„Nord-Süd-Forschungskooperationen tragen zu Ungerechtigkeit im globalen Wissenschaftssystem bei“
Julia Wiethüchter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster am Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung. Vor Kurzem hat sie ihre Dissertation zum Thema “Epistemische Ungerechtigkeit in Nord-Süd Forschungskooperationen für nachhaltige Entwicklung” erfolgreich abgeschlossen. Im Interview erläutert sie den Begriff der epistemischen Gerechtigkeit und den Anlass, sich hiermit wissenschaftlich zu beschäftigen, die Forschungsfragen und Methodik ihrer Untersuchung sowie deren Befunde und mögliche Empfehlungen, die sich hieraus ergeben.
Julia Wiethüchter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster am Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung. (Bildquelle: PicturePeople)
Liebe Frau Wiethüchter, Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit der „epistemischen Ungerechtigkeit“ bei Forschungskooperationen zwischen Globalem Norden und Globalem Süden beschäftigt. Könnten Sie unseren Leserinnen und Lesern zunächst einmal kurz und möglichst verständlich erläutern, was mit „epistemischer Ungerechtigkeit“ gemeint ist und was der Grund dafür war, dass Sie dieses Thema für Ihre Dissertation gewählt haben?
Epistemische Ungerechtigkeit ist ein Begriff, der wissensbezogene Ungerechtigkeiten bezeichnet. Es geht also darum, dass Personen der Status als Wissenden abgesprochen wird, aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Miranda Fricker, die den Begriff geprägt hat, hat sich zum Beispiel mit epistemischer Ungerechtigkeit im feministischen Kontext beschäftigt. Sie hat damit einerseits Situationen beschrieben, in denen Frauen nicht geglaubt wird und andererseits die Strukturen, die Frauen häufig überhaupt den Zugang zu Wissensinstitutionen und Machtpositionen in diesen erschweren. Diese zwei Arten von epistemischer Ungerechtigkeit bezeichnet sie auf Englisch als „testimonial epistemic injustices“ beziehungsweise „distributive epistemic injustices“. Bei meiner Arbeit an einer außeruniversitären Forschungseinrichtung in einem Projekt zu Nord-Süd-Kooperationen sind mir ähnliche Ungerechtigkeiten begegnet. Das globale Wissenschaftssystem ist so strukturiert, dass Forschende aus dem Globalen Süden Schwierigkeiten haben, an der globalen Wissensproduktion teilzunehmen und ihre Perspektiven daher weniger wahrgenommen werden. Und das ist gerade im Kontext von Projekten zu nachhaltiger Entwicklung problematisch.
Wie sind Sie bei Ihrer Untersuchung methodisch vorgegangen und was waren dabei Ihre zentralen Forschungsfragen?
Methodisch bin ich so vorgegangen, dass ich ein Multiples Fallstudiendesign nach Stake gewählt habe und mir drei unterschiedliche Förderprogramme des damaligen Bundesministeriums für Bildung und Forschung angeschaut habe. Innerhalb der drei Programme habe ich jeweils vier Projekte untersucht. Insgesamt habe ich 33 Interviews mit Forschenden und Förderprogrammverantwortlichen geführt und 7 Dokumente analysiert, die eine weitere Einordnung der Programme ermöglichen. Meine erste Forschungsfrage diente dazu, den Status Quo in den untersuchten Kooperationsprojekten festzuhalten und zu schauen, welche epistemischen Ungerechtigkeiten sich beobachten lassen. In der zweiten Frage ging es darum, Handlungsspielräume der Forschenden, sowie der Förderprogramme, auszuloten. Die Fragen lauteten: Welche epistemischen Ungerechtigkeiten manifestieren sich in den Nord-Süd-Forschungskooperationen für nachhaltige Entwicklung? Und inwiefern tragen Forschungskooperationen zu epistemischer Gerechtigkeit bei oder vermindern diese?
Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Befunde Ihrer Untersuchung und welche Empfehlungen würden Sie hieraus für die internationale Forschungsförderung ableiten?
Die zentrale Erkenntnis aus meiner Forschung ist, dass eine zirkuläre Kausalität zwischen Nord-Süd-Forschungskooperationen und epistemischen Ungerechtigkeiten im globalen Wissenschaftssystem besteht. Das heißt: Nord-Süd-Forschungskooperationen tragen zu epistemischer Ungerechtigkeit im globalen Wissenschaftssystem bei, weil sie durch die Förderbedingungen und Entscheidungen der Mittelgeber und Forschenden die Ungerechtigkeiten des Wissenschaftssystems oft fortschreiben, ohne diese zu reflektieren. Oft werden diese auch durch das Narrativ von „Partnerschaften auf Augenhöhe“ unsichtbar gemacht. Eine wesentliche Beobachtung ist, dass oft nicht gesehen wird, dass die Forschenden im Globalen Süden bereits von Ungerechtigkeiten betroffen sind und dass die Kooperationsprojekte diesen Ungerechtigkeiten nicht automatisch Abhilfe schaffen, sondern diese tatsächlich auch verstärken können. Für die internationale Forschungsförderung empfehle ich daher, das Wissen im Globalen Süden mehr anzuerkennen und auch in Frage zu stellen, ob immer wir im Globalen Norden die besseren Lösungen haben, gerade im Kontext von Nachhaltigkeitsfragen. Auch wenn die Finanzierung für die Projekte aus Deutschland kommt, sollte Verantwortung für die Teilhabe der Forschenden aus dem Globalen Süden übernommen werden, damit die Kooperationsprojekte wirklich partnerschaftlich durchgeführt werden können und wichtiges Wissen nicht verloren geht.
Auf praktischer Ebene würde ich empfehlen, dass die Förderbedingungen den Projekten ermöglichen, die Forschung von der Definition des Forschungsproblems bis zur Publikation der Forschungsergebnisse gemeinsam zu gestalten und dass die Forschungspartner im Norden und Süden finanziell und legal gleichgestellt werden. Internationale Mobilität sollte im Rahmen der Projekte nicht nur für Forschende aus dem Globalen Norden, sondern auch für Forschende aus dem Globalen Süden ermöglicht werden, über finanzielle Ressourcen, sowie durch Unterstützung bei der Visumsantragstellung. Warum gibt es beispielsweise bislang kaum Projekte, bei denen Forschende aus dem Globalen Süden Forschende im Globalen Norden besuchen, um dort gemeinsam an Problemen zu arbeiten, die insbesondere den Globalen Norden betreffen? Wahrscheinlich gibt es ja viele Forschungsbereiche, in denen der Globale Norden auch vom Wissen des Globalen Südens profitieren könnte, nicht nur umgekehrt. Darüber hinaus ist es wichtig, auf sprachliche Zugänge und Maßnahmen zur Sichtbarmachung zu achten. In den Programmen, die ich betrachtet habe, gab es teilweise schon gute Ansätze in dieser Richtung. Durch solche Ansätze und bestimmter Entscheidungen der Forschenden hat sich gezeigt, dass Kooperationsprojekte zwischen Globalem Norden und Globalem Süden durchaus das Potenzial haben, Ungerechtigkeiten zu vermindern.
Zur Person
Julia Wiethüchter, M.A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster am Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung. Sie ist seit 2023 Mitarbeiterin in dem vom BMBF geförderten Verbundprojekt LATERNE tätig und erforscht transformative Ansätze für Nachhaltigkeit in den Bereichen Lehre, Forschung und Governance an der Universität Münster. Ihre Forschungsschwerpunkte sind interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung, kulturelle und transnationale Dimensionen von Nachhaltigkeit, sowie die Verbindung von Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Diversität. Julia Wiethüchter hat einen B.A. in Pädagogik von der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg und einen M.A. in Interkultureller Kommunikation und Bildung von der Universität zu Köln. Ihre Dissertation zum Thema “Epistemische Ungerechtigkeit in Nord-Süd Forschungskooperationen für nachhaltige Entwicklung” hat sie 2024 erfolgreich an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften, Speyer verteidigt. Ihre Dissertation wird zeitnah veröffentlicht.
Weiterführende Informationen
Wiethüchter, J. (2023). Fördermittelgeber als unsichtbare Forschungspartner. Epistemische Ungerechtigkeit in globalen Forschungskooperationen. In: Die Hochschule : Journal für Wissenschaft und Bildung 32 (1/2), S. 20-30. https://doi.org/10.25656/01:32268
Fricker, M. (2004). Epistemic Justice and a Role for Virtue in the Politics of Knowing. In: Metaphilosophy 34 (1-2), S. 154-173. https://doi.org/10.1111/1467-9973.00266
Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.