2. September 2025

“An den Hochschulen in Deutschland gibt es eine ausgeprägte Willkommenskultur”

Im Wintersemester 2023/24 hat der DAAD zum zweiten Mal eine Studierendenbefragung im Rahmen des Projekts “Benchmark internationale Hochschule” (BintHo) durchgeführt, das aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert wird. Die Befragung fand an 132 Hochschulen in allen 16 Bundesländern statt, insgesamt nahmen rund 116.000 Studierende daran teil, darunter etwa 95.000 inländische und 21.000 internationale Studierende. Die erste BintHo-Befragung hatte im Wintersemester 2020/21 stattgefunden. Im Interview berichtet Projektleiter Dr. Jan Kercher von zentralen Befunden der Befragung.

Dr. Jan Kercher ist beim DAAD-Experte für externe Studien und Statistiken. (Bildquelle: Eric Lichtenscheid)

Herr Kercher, was sind aus Ihrer Sicht die erfreulichsten Befunde der zweiten BintHo-Befragung?

Da gibt es tatsächlich einige. Die Befragung hat beispielsweise bestätigt, dass es an den Hochschulen in Deutschland nach wie vor eine sehr ausgeprägte Willkommenskultur gibt, trotz der anhaltenden migrationspolitischen Debatte in den letzten Jahren. Drei Viertel der befragten internationalen Studierenden fühlen sich an ihrer Hochschule willkommen. Und über ein Drittel der Studierenden wünscht sich sogar mehr internationale Studierende an der eigenen Hochschule, nur etwa zwei Prozent fänden es besser, wenn es weniger internationale Studierende an ihrer Hochschule gäbe. Interessanterweise sind es übrigens vor allem internationale Studierende, die sich weniger andere internationale Studierende an ihrer Hochschule wünschen. Das liegt allerdings in erster Linie daran, dass der Anteil internationaler Studierender an manchen Kunst- und Musikhochschulen so hoch ausfällt, dass es für diese Studierenden umso schwieriger ist, mit einheimischen Studierenden in Kontakt zu kommen.

Ein weiterer sehr erfreulicher Befund aus meiner Sicht: Drei Viertel der internationalen Studierenden sind mit der Hochschule und dem Studium zufrieden. Ebenso viele würden Freunden oder Bekannten ein Studium sowohl in Deutschland allgemein als auch an ihrer
aktuellen Hochschule weiterempfehlen. Diese Zufriedenheit mit dem Studium scheint sich wiederum positiv auf die Bleibeabsichten nach dem Studium auszuwirken. Knapp zwei Drittel der internationalen Studierenden haben die Absicht, nach Beendigung ihres aktuellen Studiums in Deutschland zu bleiben. Und: Studierende in höheren Semestern geben geben häufiger als Studierende in den ersten Semestern an, nach dem Abschluss in Deutschland bleiben zu wollen. Das zeigt wirklich sehr schön, dass ein Studium in Deutschland “Lust auf mehr” macht.

Gibt es neben diesen erfreulichen Befunden auch Befunde, die zeigen, wo wir in Deutschland noch Handlungsbedarf haben?

Ja, die gibt es ebenfalls. Als Erstes fällt mir hier ein, dass viele Studierende Interesse an einem studienbezogenen Auslandsaufenthalt bekunden, diesen dann letztlich aber nicht in die Tat umsetzen. Darunter auch viele, die einen Auslandsaufenthalt bereits konkret geplant, im Laufe der Planung dann aber wieder verworfen haben. Solche Fälle sind aus Sicht des DAAD natürlich sehr bedauerlich, insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Anteil der Studierenden in Deutschland, die im Rahmen ihres Studiums einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt durchführen, seit ca. 20 Jahren rückläufig ist. Da müssen wir also dringend besser werden und Hürden abbauen, die bislang dazu führen, das Auslandspläne verworfen oder gar nicht erst in Betracht gezogen werden. Und die wichtigste Hürde sind hierbei immer noch Finanzierungsschwierigkeiten. Wir brauchen also mehr finanzielle Fördermöglichkeiten für Auslandsaufenthalte, müssen gleichzeitig aber noch besser dabei werden, gerade diejenigen Studierenden über diese Unterstützungsangebote zu informieren, die sie am dringendsten brauchen.

Was mich ebenfalls ernüchtert hat: Virtuelle Auslandsmobilität, also zum Beispiel die Teilnahme an Online-Lehrveranstaltungen und -Prüfungen von Hochschulen im Ausland von Deutschland aus, wird bislang vor allem von den Studierenden genutzt, die auch physisch auslandsmobil sind. Die Hoffnung, dass wir mit dieser Form von studienbezogenen Auslandserfahrungen vor allem diejenigen erreichen können, für die aus bestimmten Gründen kein physischer Auslandsaufenthalt in Frage kommt, hat sich bislang also leider nicht erfüllt. Und das, obwohl gerade diese Studierenden virtuelle Auslandsmobilität als deutlich attraktiver beurteilen als Studierende, die bereits physisch im Ausland waren. Auch hier zeigt sich demnach wieder: Das Interesse ist durchaus vorhanden, aber es scheitert letztlich an der konkreten Umsetzung. Virtuelle Auslandsmobilität ist offensichtlich – zumindest bislang – weniger inklusiv, als wir das anfangs gehofft hatten. Ziel muss also auch hier sein, noch gezielter diejenigen zu erreichen, die sonst keinerlei studienbezogene Auslandserfahrung sammeln.

Im Rahmen der zweiten BintHo-Befragung wurden die Studierenden erstmals auch ausführlich zum Thema fremdenfeindliche Diskriminierung innerhalb und außerhalb der Hochschule befragt. Was sind hierbei die aus Ihrer Sicht wichtigsten Befunde?

Erfreulich finde ich hier zunächst einmal, dass internationale, aber auch inländische Studierende, die von anderen aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermuteten Migrationsgeschichte als fremd oder nicht deutsch gelesen werden, innerhalb der Hochschule deutlich seltener Diskriminierungserfahrungen machen als außerhalb der Hochschule. Gerade einmal knapp drei Prozent dieser Studierenden berichten von häufigen Diskriminierungserfahrungen an der eigenen Hochschule, rund 80 Prozent haben noch nie solche Erfahrungen gemacht. Auch hier zeigt sich also wieder die bereits angesprochene Willkommenskultur an den Hochschulen in Deutschland.

Allerdings bewegen sich diese Studierenden im Alltag ja nicht nur innerhalb der Hochschule. Und außerhalb der Hochschule sind die als fremd gelesenen Studierenden leider deutlich häufiger mit fremdenfeindlichen Diskriminierungen konfrontiert. Gut 13 Prozent sind nach eigener Aussage häufig hiervon betroffen, weitere 52 Prozent zumindest gelegentlich. Auch wenn die Hochschulen natürlich nur sehr bedingt auf diese Situation außerhalb der Hochschule einwirken können, zeigt sich hier aus meiner Sicht trotzdem auch für die Hochschulen Handlungsbedarf. Denn wir haben auch danach gefragt, ob die Studierenden wissen, an welche Personen oder Stellen sie sich an ihrer Hochschule im Diskriminierungsfall wenden können. Und dabei zeigte sich, dass dies etwa zwei Drittel der Befragten verneinen. Das heißt, dass es an deren Hochschulen entweder tatsächlich keine entsprechenden Stellen gibt oder diese den Studierenden zumindest nicht bekannt sind.

Ich will zum Schluss auch noch einen weiteren Befund erwähnen, der mich in diesem Zusammenhang überrascht hat: Innerhalb der Hochschule werden Studierende, die als fremd gelesen werden, laut eigener Angaben vor allem von einheimischen Studierenden diskriminiert. Deutlich seltener hingegen von internationalen Studierenden, von Lehrenden oder der Hochschulverwaltung. Das hatte ich so nicht erwartet. Ich gehe davon aus, dass es sich hierbei häufig um diskriminierendes bzw. ausgrenzendes Verhalten innerhalb von Lehrveranstaltungen handelt, zum Beispiel im Rahmen von Gruppenarbeiten. Auch hier sehe ich also einen Handlungsbedarf an den Hochschulen, denn auf solches Verhalten von Studierenden können Lehrende natürlich gezielt einwirken.

Quelle: Privat

Autorin: Naomi Knüttgen, DAAD

Naomi Knüttgen ist seit 2019 beim DAAD tätig und seit 2020 an der jährlichen Publikation Wissenschaft weltoffen beteiligt. Im Referat für Forschung und Studien untersucht sie insbesondere die internationale Studierenden- und Wissenschaftlermobilität sowie die Hochschulinternationalisierung im Asiatisch-Pazifischen Raum.

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