“Unsere Befunde deuten weniger auf ein Rekrutierungsproblem als auf eine Bindungsaufgabe hin”
Dr. Isabelle Schiffer-Fiedler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) und dort Teil des Teams der National Academics Panel Study (Nacaps). Gemeinsam mit ihrer DZHW-Kollegin Marie Lena Muschik hat sie einen Schlaglicht-Beitrag zur diesjährigen Hauptausgabe von “Wissenschaft weltoffen” verfasst, in dem die Mobilitäts- und Karrierepläne von internationalen Promovierenden in Deutschland analysiert werden. Im Interview erläutert sie, wie sie dabei genau vorgegangen sind, welches aus ihrer Sicht die wichtigsten und überraschendsten Befunde der Analyse waren und welche praktischen Schlussfolgerungen sich hieraus für die Hochschulen und die Hochschulpolitik in Deutschland ableiten lassen.
Dr. Isabelle Schiffer-Fiedler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). (Bildquelle: Nikolaus Frank)
Liebe Frau Schiffer-Fiedler, Sie haben sich für die aktuelle Ausgabe von “Wissenschaft weltoffen” mit den internationalen Promovierenden in Deutschland und deren Karriereplänen befasst. Wie sind Sie dabei genau vorgegangen und welche Daten stehen für solche Analysen zur Verfügung?
Für unsere Auswertungen haben wir Daten der National Academics Panel Study, kurz nacaps, verwendet. Das ist eine bundesweite Längsschnittstudie zu Promovierenden und Promovierten in Deutschland. Ziel von nacaps ist es, systematisch Informationen zu Karriereverläufen von hochqualifizierten Personen für Forschung, Hochschulen und Wissenschaftspolitik zu erfassen. In nacaps werden bislang drei Kohorten von Promovierenden jährlich befragt. Für unsere Analysen im Rahmen des Schlaglichts haben wir Daten aus der ersten Befragung der jüngsten Kohorte genutzt. Diese erfasst sowohl deutsche als auch internationale Promovierende, die zwischen Dezember 2020 und Dezember 2022 an einer deutschen Hochschule zur Promotion zugelassen wurden.
Zu den Karriereplänen liegen uns Informationen darüber vor, ob die Promovierenden nach ihrer Promotion in der Wissenschaft bleiben wollen oder nicht. Zusätzlich haben die Promovierenden eingeschätzt, wie wichtig ihnen bestimmte Berufsziele sind und ob sie eine Professur anstreben.
Zusätzlich haben wir uns auch mit den Mobilitätsplänen befasst. Da geht es um geplante Auslandsaufenthalte nach der Promotion. Hier liegen uns sowohl Informationen zum Zweck geplanter Auslandsaufenthalte vor als auch zur geplanten Dauer, sprich: ob nur zeitweilige oder dauerhafte Aufenthalte außerhalb Deutschlands geplant sind.
Kommen wir zu den Befunden Ihrer Analyse: Wie würden Sie die wichtigsten Ergebnisse zusammenfassen? Und welche haben Sie dabei am meisten überrascht?
Ich fange mal mit den Anteilen internationaler Promovierender in unseren Auswertungen an. In der untersuchten Kohorte haben rund 25 Prozent der Promovierenden ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben, sprich gelten als international. Dieser Anteil entspricht in etwa auch dem Anteil internationaler Promovierender laut offizieller Studierendenstatistik in dem entsprechenden Wintersemester. Die internationalen Promovierenden sind in der untersuchten Kohorte also gut vertreten.
Was die Karrierepläne betrifft, zeigen unsere Auswertungen, dass unter den internationalen Promovierenden etwa 63 Prozent beabsichtigen, nach der Promotion im Wissenschaftssystem zu bleiben. Zum Vergleich haben wir uns dieselbe Frage auch für die inländischen Promovierenden angeschaut. Dort liegt der entsprechende Anteil bei lediglich rund 25 Prozent.
Was mich dabei am meisten überrascht hat, ist nicht nur die Größe dieses Unterschieds, sondern auch die Konstanz über alle Fächergruppen hinweg. Denn unsere Ergebnisse zeigen, dass selbst innerhalb einzelner Fächergruppen die Neigung der internationalen Promovierenden in der Wissenschaft zu bleiben, durchweg höher ist, auch in den Fächern, die insgesamt eine geringe Präferenz für die Wissenschaft zeigen, wie beispielsweise Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften. Das spiegelt sich auch darin wider, dass internationale Promovierende häufiger als inländische Promovierende eine Professur anstreben und eine Karriere in der Wissenschaft als für sie wichtiges Berufsziel einordnen.
Wir stellen also gegenüber inländischen Promovierenden eine starke Präferenz für den Verbleib in der Wissenschaft fest. Was aber den Verbleib in Deutschland betrifft, zeigt sich noch eine große Unsicherheit. Gut 50 Prozent der internationalen Promovierenden sind mit Blick auf ihre Auslandspläne nach der Promotion noch unentschlossen. Immerhin 24 % planen zudem, Deutschland dauerhaft zu verlassen. Dabei will ich aber auch betonen, dass solche Pläne nicht immer unbedingt freiwillig sind, wenn beispielsweise Aufenthaltsgenehmigungen befristet sind.
Vor dem Hintergrund dieser Befunde: Welche praktischen Schlussfolgerungen oder Handlungsempfehlungen für die Hochschulen und die Hochschulpolitik in Deutschland ergeben sich aus hieraus aus Ihrer Sicht?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass internationale Promovierende stark an einer wissenschaftlichen Karriere interessiert sind. Gleichzeitig ist aber unklar, ob sie langfristig in Deutschland bleiben können oder wollen. Das wirft natürlich Fragen nach den Rahmenbedingungen des Wissenschaftsstandortes Deutschland auf, sowie nach Faktoren, die die Entscheidung, zu bleiben oder zu gehen, beeinflussen.
Für die Hochschulen ergibt sich aus meiner Sicht zusammen mit unseren Ergebnissen daraus die Aufgabe, Karrierewege transparenter und verlässlicher zu gestalten, zum Beispiel durch frühzeitige Informationen über wissenschaftliche Perspektiven oder Mentoring- und Beratungsangebote. Auf hochschulpolitischer Ebene scheinen mir vor allem planbare Übergänge nach der Promotion entscheidend, etwa in Postdoc-Positionen oder andere forschungsnahe Tätigkeiten. Auch die aufenthaltsrechtlichen Rahmenbedingungen spielen hierbei eine zentrale Rolle.
Insgesamt deuten unsere Befunde weniger auf ein Rekrutierungsproblem hin als vielmehr auf eine Bindungsaufgabe. Internationale Promovierende sind da und stark interessiert an einer wissenschaftlichen Karriere. Entscheidend ist, ob ihnen hier in Deutschland auch langfristige Perspektiven eröffnet werden.
Zur Person
Isabelle Schiffer-Fiedler ist seit Juni 2018 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Bildungsverläufe und Beschäftigung am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) beschäftigt. Sie studierte den Bachelor Sozialwissenschaften (B.A.) von 2012 bis 2015 und den Master Bildungswissenschaften (M.A.) von 2015 bis 2018 an der Leibniz Universität Hannover. Ende 2024 hat sie ihre Promotion mit dem Titel “geschlechtsspezifische Differenzierungsprozessen im Studium” erfolgreich abgeschlossen.
Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.