„Internationale Erfahrungen schärfen oft das Bewusstsein für Ungerechtigkeit und Verantwortung“
Maia Chankseliani ist Professorin für Vergleichende und Internationale Bildungswissenschaft an der Universität Oxford und hat sich auf die Rolle der Hochschulbildung in der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung spezialisiert. Im vergangenen Jahr schloss sie ein dreijähriges Forschungsprojekt mit dem Titel ‘International mobility and world development’ ab, für das sie und ihre Kolleginnen und Kollegen über 700 Interviews in 70 Ländern führten und verschiedene systemische Auswirkungen der internationalen akademischen Mobilität untersuchten. Im Interview erklärt sie, welche Mechanismen dafür verantwortlich sind, dass internationale akademische Mobilität Armut reduzieren und Demokratie fördern kann, und welche praktischen Schlussfolgerungen für Politik und Wissenschaft daraus gezogen werden können, insbesondere in Zeiten zunehmender globaler Abschottung gegen Zuwanderung. (Das Interview wurde aus dem Englischen übersetzt.)
Maia Chankseliani ist Professorin für Vergleichende und Internationale Bildungswissenschaft an der Universität Oxford und hat sich auf die Rolle der Hochschulbildung in der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung spezialisiert. (Bildquelle: John Cairns)
Beginnen wir mit dem von Ihnen untersuchten Effekt im Bereich der Armutsbekämpfung, der auch von anderen Forschenden bereits bestätigt wurde: Welche Mechanismen der internationalen akademischen Mobilität konnten Sie identifizieren, um diesen Effekt zu erklären?
Bei genauer Betrachtung der Armutsbekämpfung wird eines deutlich: Die internationale Mobilität von Studierenden verringert die Armut nicht durch schnelle, direkte Interventionen, sondern ihre Auswirkungen entfalten sich langsam, über Institutionen, Praktiken und Beziehungen. Dabei treten vier Mechanismen immer wieder auf.
Der erste ist reflexives Handeln. Ein Auslandsstudium verändert oft die Art und Weise, wie Menschen über Probleme und ihre eigene Rolle bei deren Bewältigung denken. Der Kontakt mit anderen Systemen und Politiken veranlasst Menschen dazu, Dinge in Frage zu stellen, die sie zuvor für selbstverständlich gehalten haben. Viele Rückkehrer beschreiben einen Wandel in ihrer Sichtweise: Sie betrachten Armut nicht mehr als individuelles Versagen, sondern als etwas, das durch Institutionen, Regeln und Macht geprägt ist. Dies verändert ihr Handeln, oft durch nachhaltige institutionelle und zivilgesellschaftliche Praktiken, durch die sich im Laufe der Zeit Veränderungen ergeben.
Der zweite Mechanismus ist die Wissensumsetzung. Dabei geht es nicht darum, Lösungen von anderswo zu kopieren. Rückkehrende passen Ideen und Ansätze an die lokalen Gegebenheiten an, indem sie beispielsweise Finanzmodelle anpassen, Programme neu gestalten oder politische Kategorien neu definieren, damit benachteiligte Bevölkerungsgruppen sichtbar werden. Armutsbekämpfung findet statt, wenn Ideen innerhalb bestehender Institutionen umsetzbar gemacht werden.
Der dritte Mechanismus sind transnationale soziale Beziehungen. Durch ein Auslandsstudium entstehen dauerhafte Beziehungen über Grenzen hinweg, die beeinflussen, wie Menschen ihre Arbeit beurteilen, vergleichen und aufrechterhalten. Nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat nutzen viele diese Beziehungen über einen längeren Zeitraum hinweg, um Ratschläge einzuholen, zusammenzuarbeiten, gegenseitiges Vertrauen zu stärken und neue Perspektiven zu gewinnen.
Der vierte Mechanismus ist das zivile Verständnis. Internationale Erfahrungen schärfen oft das Bewusstsein der Menschen für Ungerechtigkeit und Verantwortung. Armut wird nicht mehr nur als Mangel an Einkommen gesehen, sondern als Ausgrenzung oder Verweigerung von Würde. Diese Umdeutung prägt das langfristige Engagement in Bereichen wie Bildung, Gesundheit oder Wohnen.
Zusammengenommen können diese Mechanismen erklären, warum die Auswirkungen der internationalen Studierendenmobilität auf die Armutsbekämpfung tendenziell nur verzögert und schrittweise sichtbar werden. Quantitative Belege deuten darauf hin, dass dieser Zusammenhang erst nach einem langen Zeitraum von etwa fünfzehn Jahren sichtbar wird. Ausschlaggebend ist nicht ein einzelner Durchbruch, sondern die beharrliche Arbeit von Menschen, die das Gelernte im Laufe der Zeit in Institutionen, Politik und Alltagspraxis einbringen.
Ein weiterer Bereich, den Sie untersucht haben, ist das demokratische Bewusstsein von international mobilen Studierenden und Forschenden. Auch hier konnten Sie verschiedene Wirkmechanismen identifizieren. Welche sind das?
Ein Auslandsstudium prägt das demokratische Bewusstsein, indem es die Sichtweise auf Autorität, Verantwortung und den eigenen Platz im öffentlichen Leben verändert. Ein wichtiger Mechanismus ist der Vergleich. Durch ein Studium im Ausland kommen Menschen mit Systemen in Berührung, die anders funktionieren, manchmal in kleinen, alltäglichen Dingen. Diskussionen im Unterricht, der Umgang mit Meinungsverschiedenheiten, die Infragestellung von Autorität oder die Gleichbehandlung aller Menschen schaffen Bezugspunkte. Diese Vergleiche bleiben den Menschen auch nach ihrer Rückkehr im Gedächtnis und verändern still und leise ihre Wahrnehmung dessen, was akzeptabel, legitim oder ungerecht ist.
Ein zweiter Mechanismus ist die moralische Neuorientierung. Viele Menschen beschreiben Momente im Ausland, in denen Verantwortung nicht mehr abstrakt erschien. Zu sehen, wie andere aus Fürsorge handeln, ohne Angst ihre Meinung sagen oder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, lässt Würde, Verantwortlichkeit und Inklusion real und nicht nur rhetorisch erscheinen. Bei Demokratie geht es weniger um Institutionen allein, sondern mehr darum, wie Menschen in der Praxis miteinander umgehen.
Ein dritter Mechanismus ist das reflexive Urteilsvermögen. Ein Auslandsstudium schafft oft Distanz zu dem, was einst als normal empfunden wurde. Bei denjenigen, die in autoritäre oder hybride Verhältnisse zurückkehren, schärft dies die Sensibilität für Risiken und Zwänge. Bei denjenigen, die in demokratische Verhältnisse zurückkehren, führt dies oft zu einer kritischeren, fundierteren Sichtweise darauf, wie Demokratie tatsächlich funktioniert. In beiden Fällen werden die Menschen nicht nur überlegter, wann und wie sie handeln, sondern auch, wann sie abwarten, sich anpassen oder ihre Position behaupten sollten.
Ein vierter Mechanismus ist die Praxis. Demokratisches Bewusstsein entsteht durch Handeln, nicht nur durch Beobachten. Die Mitarbeit in Studierendengruppen, Gemeindearbeit, Medien oder Aktivismus im Ausland hilft den Menschen, Demokratie als etwas kennen zu lernen, das unvollkommen ist und erst umgesetzt und ausgehandelt werden muss.
Schließlich sind transnationale Beziehungen wichtig. Kontinuierliche Verbindungen zu Gleichaltrigen, erfahreneren Menschen und Institutionen im Ausland bieten Perspektive und die Gewissheit, dass alternative Formen der Organisation des öffentlichen Lebens möglich bleiben, auch wenn die lokalen Optionen begrenzt erscheinen.
Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse: Welche praktischen Schlussfolgerungen lassen sich Ihrer Meinung nach für Politik und Wissenschaft daraus ziehen? Und wie beurteilen Sie die aktuellen Entwicklungen in Ländern wie den USA, Kanada und Australien in dieser Hinsicht?
In den USA, Kanada und Australien waren die letzten Jahre geprägt von einer Verschärfung der Regulierung und politischen Narrativen, die internationale Studierende zunehmend unter dem Gesichtspunkt der Kontrolle und des Risikos betrachten und nicht mehr als langfristige Partner.
Vor diesem Hintergrund lautet eine praktische Empfehlung, die Mobilität internationaler Studierender als Teil der langfristigen Infrastruktur offener Gesellschaften zu betrachten und nicht als kurzfristigen Hebel, der je nach Druck verschärft oder gelockert werden kann.
Die aktuellen Entwicklungen in diesen Ländern unterbinden die Mobilität nicht vollständig, aber sie verengen den politischen Spielraum in diesem Bereich und geben der Kontrolle Vorrang vor Vertrauen. Auf lange Sicht besteht die Gefahr, dass diese Verengung genau die Eigenschaften untergräbt, auf denen diese Systeme beruhen: Offenheit, Glaubwürdigkeit und globale Vernetzung.
Zur Person
Maia Chankseliani ist Professorin für Vergleichende und Internationale Bildungswissenschaft an der Universität Oxford und hat sich auf die Rolle der Hochschulbildung in der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung spezialisiert. Ihre Arbeit befasst sich mit Fragen der internationalen Mobilität von Studierenden, Forschungskapazitäten, Hochschulreformen und der öffentlichen Verantwortung von Hochschulen. Sie arbeitet mit Regierungen, öffentlichen Einrichtungen und multilateralen Institutionen in Europa, dem Kaukasus und Zentralasien, den USA, Ostasien und der Golfregion zusammen und stellt ihnen ihr analytisches Fachwissen, strategische Beratung und evidenzbasierte Empfehlungen für die Programm- und Systementwicklung zur Verfügung.
Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.