15. September 2026

„Der größte Fehler war es, China nicht zu glauben“

Dr. Marina Rudyak ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Ostasienwissenschaften der Universität Heidelberg und Mitbegründerin des „Decoding China„-Projekts, das untersucht, wie Kernbegriffe der internationalen Kooperation im offiziellen chinesischen Diskurs verstanden und eingesetzt werden. 2025 veröffentlichte Sie das Buch „Dialog mit dem Drachen: Wie uns strategische Empathie gegenüber China stärken kann“. Im Interview mit uns erläutert Rudyak, warum strategische Empathie gegenüber China so wichtig für Deutschland ist, was aus ihrer Sicht der größte Fehler Deutschlands in Bezug auf Chinas Wissenschafts- und Technologiepolitik war und welche Schlussfolgerungen sich auf der Grundlage ihrer Analysen für die Hochschulpolitik und -praxis in Deutschland ergeben.

Dr. Marina Rudyak ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Ostasienwissenschaften der Universität Heidelberg. (Bildquelle: Gülay Keskin)

Liebe Frau Rudyak, beginnen wir mit der Inspiration für Ihr Buch: Was hat Sie dazu bewogen, ein ganzes Buch darüber zu schreiben, wie uns strategische Empathie gegenüber China stärken kann?

Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren intensiv mit China, ein Drittel davon habe ich im Land verbracht. In den wilden frühen 2000ern studierte ich in Shanghai. Meine GIZ-Zeit in Peking fiel ans Ende der „goldenen“ Hu-Jintao-Ära und an den Anfang der Xi-Jahre, in denen sich schon abzeichnete, in welche Richtung es mit China gehen würde. Nach meiner Rückkehr an die Universität folgten zahlreiche Forschungsaufenthalte. Schon immer gab es eine Diskrepanz zwischen Chinas Komplexität und Vielschichtigkeit und dem dominanten „China-Bild“, das häufig von Vereinfachungen, Stereotypen und geopolitischen Projektionen geprägt ist. Nach Corona ist diese Diskrepanz viel stärker geworden, während China zu einer Großmacht aufgestiegen ist.

Mir ging es darum, diese Komplexität zu erklären. Das Buch ist auch ein Plädoyer, uns mehr Komplexität im Umgang mit China zuzumuten. Ich glaube, dass eine effektive, strategische, resiliente – und global denkende – China-Politik maximale Informiertheit und strategische Empathie braucht. Das Konzept geht auf den Historiker Zachary Shore zurück und beschreibt die Fähigkeit, sich in das Denken eines Gegners hineinzuversetzen und zu erkennen, was ihn antreibt, welche Ideologien und Emotionen, und auf Basis welcher Geschichten er seine Wirklichkeit konstruiert. Es geht also darum, nachzuvollziehen, wie Entscheiderinnen und Entscheidern in China auf die Welt blicken und welche Mythen, Zwänge und Emotionen ihren Handlungslogiken zugrunde liegen – ohne sie deswegen inhaltlich teilen zu müssen.

Zugleich ist das Buch ein Aufruf, China zu normalisieren – und es nicht länger als das exotische Andere zu betrachten. Wenn China der globale Gegenpol zu den USA ist, muss die europäische Auseinandersetzung mit China ebenso selbstverständlich erfolgen und denselben Standards genügen wie die mit den USA.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Befunde aus dem Buch, die einen Bezug zur chinesischen Wissenschafts- und Technologiepolitik haben?

Ich würde mich gerne auf einen zentralen Befund fokussieren: China failed to fail. Dass wir Chinas Entwicklung nicht vorausgesehen haben, liegt an uns. Der größte Fehler war es, China nicht zu glauben.

Wenn man sich China über einen längeren Zeitraum anschaut, sieht man, dass die Regierung im Großen und Ganzen genau das umsetzt, was sie seit Jahrzehnten ankündigt. Das gilt für Industriepolitik, für Innovation, für grüne Technologien und für den Aufbau strategischer Lieferketten. Alles, was China machte, passierte mit Ansage.

Xi Jinping formulierte 2017 das Ziel, dass es weltweit keine relevante Produktionskette geben solle, die ohne China auskommt. Massive Investitionen in Forschung und Entwicklung, Elektromobilität und grüne Technologien standen seit Jahren in den Fünfjahresplänen. Das alles war öffentlich. Wir haben es entweder nicht gelesen oder nicht geglaubt – wir haben nicht geglaubt, dass China diese Ziele tatsächlich erreichen kann.

Deshalb brauchen wir maximale Informiertheit. Ein Großteil der relevanten Informationen ist frei zugänglich – allerdings auf Chinesisch. Wenn wir uns ausschließlich auf Übersetzungen verlassen, übernehmen wir immer auch die Auswahl und Prioritäten anderer. Wir brauchen direkten Zugang zu Informationen, Secondhand-Wissen wird diesem Anspruch nicht gerecht. Dafür sind Sprachkenntnisse nicht alles, aber ohne die chinesische Sprache geht es nicht.

Zum Abschluss: Welche Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen lassen sich auf der Grundlage Ihrer Analysen für die Hochschulpolitik und -praxis ableiten?

Wir müssen langfristig Wissensasymmetrien abbauen, denn China kennt uns weitaus besser, als wir China kennen. Deutschland muss einerseits in den Ausbau strategischer Übersetzungs- und Analysekompetenzen investieren; andererseits muss China in die Breite, in die Fachdisziplinen. Es muss – genau wie die USA – Teil des allgemeinverbindlichen Kanons werden. Auch angehende Ingenieure sollten das politische System Chinas kennen.

In der Forschungskooperation muss man die Agenden des chinesischen Staates kennen. Die Realität ist, dass die chinesische Führung Forschenden die Verantwortung für Chinas technologische Eigenständigkeit und Aufstieg zur globalen Wissenschaftsmacht auferlegt. Akademische Freiheit steht dahinter zurück. Das setzt die Forschenden selbst unter Druck – gerade jene, die aus Neugier fragen, nicht aus Staatsräson. Nur: Wo Wissenschaft der Nation dient, kooperiert man nie nur mit einem Labor, sondern immer auch mit einem Programm. Das ist kein Argument gegen Zusammenarbeit – China ist in vielen Feldern voraus, und wer nicht kooperiert, lernt nichts. Es ist ein Argument dafür, genau zu wissen, mit wem und wozu.

Quelle: Eric Lichtenscheid

Autor: Dr. Jan Kercher, DAAD

Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.

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