· 18. November 2022

„Forschende und Studierende aus Deutschland gehen vornehmlich in Länder mit sehr gut geschützter Wissenschaftsfreiheit“

Dr. Katrin Kinzelbach ist Professorin für Internationale Politik der Menschenrechte an der FAU Erlangen-Nürnberg. (Bildquelle: FAU/Pöhlein)

Prof. Dr. Katrin Kinzelbach von der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg entwickelte mit Forschenden der FAU, des V-Dem-Instituts der Universität Göteborg, des Global Public Policy Institute (GPPi) und den Scholars at Risk Network den Academic Freedom Index (AFI). Mithilfe des AFI wird jedes Jahr der Stand der Wissenschaftsfreiheit in fast allen Ländern der Welt bewertet. Ein Interview anlässlich der Veröffentlichung der neuen Ausgabe von DAAD Forschung kompakt, für die Kinzelbach die aktuellsten AFI-Daten gemeinsam mit Lars Pelke (FAU) und Janika Spannagel (FU Berlin) auch in Beziehung zur akademischen Mobilität in Deutschland gesetzt hat.

Wie hat sich die Wissenschaftsfreiheit weltweit in den letzten zehn Jahren entwickelt und wie lassen sich diese Entwicklungen erklären?

Wir verzeichnen im weltweiten Durchschnitt eine Stagnation bzw. einen leichten Rückgang der Wissenschaftsfreiheit. Wenn wir allerdings unsere länderbasierten Daten nach Bevölkerungsgröße gewichten, ist der Rückgang sehr viel deutlicher zu sehen. Noch wichtiger als solche Durchschnittswerte sind aus meiner Sicht konkrete Ländersituationen. Unsere Daten für die letzten zehn Jahre zeigen, dass es viel mehr Länder mit substantiellen Verlusten als mit substantiellen Gewinnen beim Schutz der Wissenschaftsfreiheit gibt. Beispielhaft seien hier Ägypten, Brasilien, Indien, Kamerun, Polen, Nicaragua, Ungarn und die Türkei genannt. Diese Entwicklung ist besorgniserregend und sie verläuft in vielen Ländern zeitgleich mit einem Autokratisierungsprozess.

Welche Zusammenhänge zwischen der akademischen Mobilität und der Wissenschaftsfreiheit in den jeweiligen Gast- und Herkunftsländern der international mobilen Studierenden und Forschenden lassen sich in Deutschland beobachten?

Wir haben in unserem Beitrag für DAAD Forschung kompakt analysiert, wie gut oder schlecht die Wissenschaftsfreiheit in einschlägigen Gast- und Herkunftsländern geschützt ist, denn wir wollten besser verstehen, mit welchen Bedingungen international mobile Studierende und Forschende konfrontiert sind. Tatsächlich gehen Forschende und Studierende aus Deutschland vornehmlich in Länder, in denen die Wissenschaftsfreiheit sehr gut geschützt ist. Knapp mehr als die Hälfte aller Forschenden, die aus dem Ausland zu uns kommen, genießen auch in ihren Herkunftsländern ein hohes Maß an Wissenschaftsfreiheit. Allerdings kommt mehr als ein Viertel des internationalen Wissenschaftspersonals in Deutschland aus Ländern, die im Academic Freedom Index, kurz: AFI, in den unteren beiden Kategorien auftauchen, den Statusgruppen D und E.

Über mögliche Zusammenhänge kann ich leider wenig sagen, denn unsere Analyse erlaubt keine Rückschlüsse dazu, ob die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit in Herkunftsländern die Mobilitätsentscheidung von Forschenden und Studierenden beeinflusst – das müsste man genauer untersuchen. Wir können allerdings mit Sicherheit sagen, dass eine nicht unerhebliche Zahl von Forschenden und Studierenden aus dem Ausland an deutschen Hochschulen eine größere Freiheit erleben als zu Hause. Das ist sicher eine Stärke des deutschen Hochschulsystems, gleichzeitig sollten wir nicht unterschätzen, dass Repression und Einschüchterung nicht immer an Ländergrenzen Halt macht. Wir müssen uns daher noch mehr Gedanken darüber machen, wie wir hierzulande die Wissenschaftsfreiheit von Personen bestmöglich schützen, die aus repressiven Herkunftsländern und womöglich nur temporär zu uns kommen.

Welchen praktischen Nutzen kann der Academic Freedom Index für deutsche Hochschulen und die deutsche Hochschulpolitik haben?

Der Index stellt wissenschaftlich hochwertige Daten zur Verfügung, die Orientierung bieten. Er kann von Hochschulleitungen, aber auch in der Forschungsförderung, der Wissenschaftsdiplomatie und in der Politik, sowie von Forschenden und Studierenden als Entscheidungshilfe genutzt und insbesondere für Risikoanalysen hinzugezogen werden. In der Hochschulpolitik wurde lange die Internationalisierung „gepredigt“, doch die Zeit eines unqualifizierten Internationalisierungsgebots ist vorbei. Wir müssen genauer analysieren, wo der länderübergreifende, wissenschaftliche Austausch tatsächlich förderlich für Forschung und Lehre ist. Dabei reicht es nicht, nur nach Exzellenz zu fragen. Der Academic Freedom Index setzt die Wissenschaftsfreiheit als wichtigen Kontextfaktor auf die Agenda. Darüber kann und sollte man auch mit zukünftigen Partnerinnen und Partnern bzw. politischen Vertreterinnen und Vertretern sprechen.

Es geht natürlich nicht darum, ganze Länder aus der Wissenschaftskooperation auszuschließen, aber wir müssen insbesondere in der Zusammenarbeit mit Wissenschaftssystemen in Autokratien Vorsicht und Umsicht walten lassen. Ein Forschungs- oder Studienaufenthalt in einem Land mit wenig Wissenschaftsfreiheit erfordert mehr Vorbereitung als ein Forschungs- oder Studienaufenthalt in einem Land mit sehr gut geschützter Wissenschaftsfreiheit. Wenn ich in ein Land mit dem AFI-Status D oder E fahre, gibt es eine Reihe von wichtigen Fragen zu beantworten, zum Beispiel: Was weiß ich über die einladende Person und Institution? Wie kann ich mögliche Risiken für mich und die Gastgeber minimieren? Wie kann ich dafür sorgen, dass mein Aufenthalt, meine Forschung und meine Institution nicht für repressive Zwecke instrumentalisiert werden? Wie kann ich Forschungsdaten schützen, insbesondere natürlich personenbezogene Daten? Gibt es im Zusammenhang mit Studienaufenthalten nennenswerte Risiken? Der AFI kann solche Fragen nicht beantworten, aber wir hoffen, dass er zum Nachdenken anregt und hilft, wohlinformierte Entscheidungen zu treffen.

Tatsächlich fände ich persönlich mehr individuelle Mobilität in Länder mit niedrigen AFI-Werten wünschenswert, solange solche Aufenthalte bedacht vorbereitet werden. Die individuelle Mobilität sollte gefördert werden, nur bei institutionellen Kooperationen wäre ich im Falle repressiver Länder zurückhaltender. Im Übrigen halte ich die Idee, dass wissenschaftlicher Austausch politischen Wandel begünstigt, für naiv, aber wir müssen repressive Länder und die dortigen Wissenschaftssysteme unbedingt verstehen, denn sie werden sich nicht in Luft auflösen – und auch sie prägen die globalisierte Wissenschaftslandschaft des 21. Jahrhunderts.

Quelle: Eric Lichtenscheid

Autor: Dr. Jan Kercher, DAAD

Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.

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