15. Juli 2025

„Internationale Studierende wollen bleiben – und dies stellt eine große Chance für den deutschen Arbeitsmarkt dar“

Internationale Studierende in Deutschland blicken zu großen Teilen optimistisch auf ihre berufliche Zukunft. Der DAAD hat dazu mehr als 20.000 von ihnen an über 130 deutschen Hochschulen befragt. Zwei Drittel planen, nach dem Studium in Deutschland zu bleiben –in den Fachrichtungen Wirtschaftswissenschaften, Ingenieurwesen und Informatik ist die Bleibeabsicht besonders ausgeprägt. Etwa die Hälfte der internationalen Studierenden, die bleiben möchten, interessiert sich zudem für eine Unternehmensgründung in Deutschland. Die Ergebnisse verdeutlichen: Karrierechancen und englischsprachige Studienangebote sind zentrale Faktoren für die Wahl Deutschlands als Gastland, gleichzeitig besteht ein hoher Bedarf an Unterstützung beim Berufseinstieg. Im Interview erläutert Projektleiterin Dr. Jessica Schüller die wichtigsten Erkenntnisse der Studie.

Dr. Jessica Schüller ist seit 2024 als Referentin in der Campus-Initiative Internationale Fachkräfte im Referat Strategieentwicklung und Hochschulpolitik des DAAD aktiv (Bildquelle: Studioline Photography).

Frau Schüller, der aktuelle Bericht des DAAD trägt den Titel “Ankommen, Studieren, Bleiben: Wie internationale Studierende ihre Zukunft in Deutschland sehen”. Wenn wir zunächst einmal den Ankommen-Aspekt betrachten: Wie viele und welche internationalen Studierenden kommen denn aktuell nach Deutschland und warum? Und passen diese Studierenden gut zur Fachkräfte-Lücke in Deutschland? 

Internationale Studierende streben in der Regel einen vollständigen Abschluss in Fachrichtungen an, in denen in Deutschland ein erheblicher Fachkräftemangel besteht. Sie stellen derzeit rund 13 Prozent aller Studierenden in Deutschland dar: Im Wintersemester 2023/24 waren insgesamt rund 380.000 internationale Studierende an deutschen Hochschulen immatrikuliert. Die wichtigsten Herkunftsländer sind Indien und China.

Besonders stark vertreten sind internationale Studierende in den Ingenieurwissenschaften sowie in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Diese Schwerpunktwahl deckt sich in hohem Maße mit dem Bedarf des deutschen Arbeitsmarkts, insbesondere im MINT-Bereich, wo der Fachkräftemangel besonders ausgeprägt ist.

Die Bedeutung internationaler Studierender für MINT-Fächer ist zusätzlich gestiegen, da die Zahl deutscher MINT-Studierender seit einigen Jahren rückläufig ist, während die Zahl internationaler Studierender in diesen Fächern weiterhin deutlich zunimmt – allein um 95 Prozent in den letzten zehn Jahren.

Wenn wir uns den zweiten Aspekt, also das Studieren, ansehen: Wie zufrieden sind die internationalen Studierenden mit ihrem Studium in Deutschland? Wie steht es mit ihrer Integration und der Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt in Deutschland? Gibt es hier noch Dinge, die Deutschland besser machen könnte? 

Internationale Studierende entscheiden sich aus mehreren Gründen für ein Studium in Deutschland: Ausschlaggebend sind vor allem die vergleichsweise geringen Studienkosten, gute Berufsperspektiven nach dem Abschluss sowie das Angebot an englischsprachigen Studiengängen. Die spezifische Hochschule in Deutschland wird dann jedoch in erster Linie auf Basis der Studieninhalte ausgewählt. Erfreulich ist in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht auch, dass sich zwei Drittel der Studierenden mit der Berufsrelevanz dieser Inhalte zufrieden zeigen.

Allerdings gibt es insbesondere bei der Vorbereitung auf den deutschen Arbeitsmarkt noch Verbesserungsbedarf. Gut 40 Prozent der Befragten bewerten diese Vorbereitung nur als mittelmäßig, ein knappes Viertel sogar als eher oder sehr schlecht. Gerade für die Suche nach einer Nebentätigkeit während des Studiums ist eine entsprechende Unterstützung zentral – zumal viele internationale Studierende Deutschland auch deshalb wählen, weil die Studienbedingungen ihren finanziellen Möglichkeiten entsprechen und Nebenjobs dabei eine wichtige Rolle spielen: Gut 60 Prozent der internationalen Studierenden arbeiten neben dem Studium.

Auch beim Übergang in den Beruf zeigen sich Verbesserungsmöglichkeiten bei der hochschulischen Unterstützung. An diesem Punkt setzt die Campus-Initiative Internationale Fachkräfte an: An 114 deutschen Hochschulen werden gezielt Modellprojekte gefördert, unter anderem zur Einrichtung von International Career Services, die Studierende besser auf den Berufseinstieg vorbereiten sollen. Es wäre aber wichtig, dass Career Services allgemein in Deutschland mit mehr Ressourcen ausgestattet werden, sodass diese wichtige Daueraufgabe auch in den kommenden Jahren – bei sicherlich weiter steigenden Zahlen internationaler Studierender – bewältigt werden kann.

Der letzte Aspekt der Studie behandelt das Bleiben. Wie viele internationale Studierende bleiben nach dem Studium in Deutschland und wie sieht dieser Verbleib genau aus? Welche Hürden gibt es für internationale Absolventinnen und Absolventen auf dem Weg in den deutschen Arbeitsmarkt und welche Ansätze gibt es innerhalb und außerhalb der Hochschulen, um diese Hürden zu senken? 

Deutschland weist laut OECD – neben Kanada – eine der höchsten Bleibequoten internationaler Studierender auf. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind zehn Jahre nach Studienbeginn noch 46 Prozent der internationalen Studierenden in Deutschland. Zudem beabsichtigen laut unserer letzten Umfrage unter über 20.000 internationalen Studierenden zwei Drittel von ihnen, auch nach dem Studium in Deutschland zu bleiben.

Die Studie beleuchtet vor allem, dass internationale Studierende bleiben wollen – und dies stellt eine große Chance für den deutschen Arbeitsmarkt dar. Der Übergang in den deutschen Arbeitsmarkt ist jedoch mit verschiedenen Herausforderungen verbunden. Viele internationale Absolventinnen und Absolventen benötigen ein Visum bzw. einen Aufenthaltstitel zur Arbeitssuche, was den Kontakt zur Ausländerbehörde nicht nur am Anfang, sondern auch gegen Ende des Studiums erforderlich macht. Dieser bürokratische Prozess kann sich häufig über einen längeren Zeitraum hinziehen.

Ein weiterer wichtiger Faktor für den Berufseinstieg sind ausreichende Deutschkenntnisse. Diese sind bislang jedoch nicht bei allen Studierenden, vor allem nicht bei Absolventinnen und Absolventen rein englischsprachiger Studiengänge, vorhanden. Neben dem regulären Studium bleibt für internationale Studierende oft wenig Zeit, die Sprache vertieft zu erlernen, auch aufgrund der bereits erwähnten Nebenjobs, auf die viele von ihnen angewiesen sind. Dennoch nimmt die Mehrheit der internationalen Studierenden in englischsprachigen Studiengängen an Deutschkursen teil, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Das ist ein Zeichen, dass der Wille bei vielen Studierenden vorhanden ist. Jedoch besteht an Hochschulen häufig ein großer Bedarf an mehr Ressourcen, um Deutschkurse flächendeckend anbieten zu können. Auch hier setzt die Campus-Initiative Internationale Fachkräfte an: Um den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern, bieten viele Hochschulen im Rahmen der Förderung gezielte Unterstützungsangebote an – darunter Sprachkurse und Bewerbungstrainings, die speziell auf die Bedürfnisse internationaler Studierender ausgerichtet sind.

Quelle: Eric Lichtenscheid

Autor: Dr. Jan Kercher, DAAD

Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.

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