24. September 2025

„Die virtuelle Internationalisierung ist heute eine etablierte Realität an deutschen Hochschulen“

Die neue DAAD-Studie „Internationalisation in the Digital Transformation“ vereint die Analysen zweier Forschungsprojekte: das vom Auswärtigen Amt finanzierte Projekt „Internationalisierung in der digitalen Transformation: Strategien der deutschen Hochschulen“ (INDISTRA) und die Daten der sechsten globalen Befragung der International Association of Universities (IAU). Sie untersucht Strategien, Treiber, Prioritäten und Herausforderungen der virtuellen Internationalisierung an deutschen Hochschulen und enthält konkrete Handlungsempfehlungen für Hochschulakteure sowie politische Ebenen zur Förderung der virtuellen Internationalisierung. Im Interview berichten Dr. Eva Maria Vögtle vom Deutschen Zentrum für Hochschulforschung und Wissenschaftsforschung (DZHW) und Giorgio Marinoni von der IAU von den zentralen Befunden der Studie.

Dr. Eva Maria Vögtle ist Wissenschaftlerin am Deutschen Zentrum für Hochschulforschung und Wissenschaftsforschung (DZHW) (Bildquelle: Petra Nölle/DZHW). Giorgio Marinoni ist Leiter für Hochschulbildung und Internationalisierung bei der International Association of Universities (IAU) (Bildquelle: IAU).

Frau Vögtle, im Rahmen des Forschungsprojekts “Internationalisierung in der digitalen Transformation: Strategien deutscher Hochschulen”- kurz INDISTRA- haben Sie die strategischen Themen der Digitalisierung und Internationalisierung an deutschen Hochschulen untersucht. Welche Forschungsfragen haben Sie verfolgt und welche Methodik haben Sie angewendet?

Vögtle: Das INDISTRA-Projekt untersuchte, wie die Digitalisierung die Internationalisierung an Hochschulen in Deutschland verändert. Wir untersuchten ihren Einfluss auf Lehre, Verwaltung, und Kooperationen sowie die mit der Digitalisierung verbundenen Chancen und Risiken. Der Mixed-Methods-Ansatz des Projekts kombinierte die Analyse von 24 halbstrukturierten Interviews mit Leitungen von International Offices und die Dokumentenanalyse von 133 Dokumenten, wie z. B. Internationalisierungsstrategien, Digitalisierungsstrategien und Struktur- und Entwicklungsplänen von Hochschulen in Deutschland.

Für die kürzlich veröffentlichte DAAD-Studie haben Sie die Ergebnisse des INDISTRA-Projekts und der letzten globalen Befragung der International Association of Universities zusammengeführt. Was halten Sie für die wichtigsten Ergebnisse dieser Studie?

Marinoni: Ich denke, die interessantesten Ergebnisse der Studie sind, dass die Verbindung zwischen der digitalen Transformation des Hochschulwesens und der Internationalisierung nicht nur vorübergehend aufgrund der Corona-Pandemie bestand, sondern eine echte Transformation der Art und Weise ist, wie Hochschulen die Internationalisierung angehen. Die virtuelle Internationalisierung ist heute eine etablierte Realität an deutschen Hochschulen. Es gibt jedoch noch Herausforderungen, die bewältigt werden müssen. Deutsche Hochschulen sind zu stark auf externe, projektbasierte Mittel angewiesen, sei es von der Europäischen Union oder dem DAAD. Zudem stellt eine zu enge Fokussierung auf Technologie -zu oft als eine Art Allheilmittel für verschiedenste Probleme angesehen- eine Herausforderung dar. Fehlende langfristige Investitionen in personelle und finanzielle Ressourcen sowie in die Personalentwicklung stellen große Hindernisse für die Nachhaltigkeit der virtuellen Internationalisierung an deutschen Hochschulen dar.

Gab es Aspekte, die Sie überrascht haben?

Vögtle: Eine Überraschung war die geringe Betonung internationaler Rankings als Treiber von Internationalisierung und Digitalisierung. Es wurde in den Interviews mit International Office Leitungen eher auf Aspekte wie Zugänglichkeit verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zu den Internationalisierungsangeboten der Hochschulen und Nachhaltigkeit abgestellt. Auch war Internationalisierung des Curriculums ein großes Thema. Prioritäten von Förderorganisationen überwogen deutlich gegenüber wettbewerbsorientierten Aspekten. Wir waren auch beeindruckt von der Betonung der Kooperationen mit europäischen Hochschulen, insbesondere innerhalb der Europäischen Universitätsallianzen, was einen regionalen Fokus von Hochschulkooperationen sichtbar macht. Überraschend war die starke Rolle von Datenschutz und fehlender Angleichung unterschiedlicher regulatorischer Rahmenbedingungen zwischen den Bundesländern, dass dies als erhebliche Hürde für die virtuelle Internationalisierung von Hochschulen in Deutschland wahrgenommen wurde.

Auf der Grundlage der Ergebnisse formuliert der Bericht Handlungsempfehlungen für verschiedene Akteursgruppen und politische Ebenen. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Empfehlungen für deutsche Hochschulen?

Vögtle: Es stechen mehrere Empfehlungen als besonders wichtig für Hochschulen hervor. Erstens sollten Hochschulen europäische Standards übernehmen, wie die European Student Card Initiative und Erasmus Without Paper. Dies ist von wesentlicher Bedeutung, um Interoperabilität zu erreichen und die digitale Verwaltung der internationalen Mobilität zu erleichtern. Auch wenn diese Prozesse an sich alles andere als vereinfachend sind, können aufgrund der Interoperabilität einfachere Prozesse als Ergebnis erwartet werden. Zum Beispiel wird die proaktive Zusammenarbeit mit anderen europäischen Universitäten, um Studierendendaten elektronisch und standardisiert über Systeme hinweg zu übertragen, von entscheidender Bedeutung sein. Zweitens ist die Schaffung eines ganzheitlichen digitalen Campus, der einen einfachen Zugang zu Aufzeichnungen und anderen Ressourcen ermöglicht, von wesentlicher Bedeutung. Klare Datenschutzrichtlinien müssen Teil dieses integrierten Ansatzes sein. Schließlich ist die Festlegung klarer und transparenter Richtlinien für die Internationalisierung für internationale Akteure von entscheidender Bedeutung. Dies stärkt das Vertrauen, mindert Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und erleichtert die reibungslose Zusammenarbeit mit internationalen Partnern.

Marinoni: Die wichtigste Empfehlung ist einen ganzheitlichen Ansatz zur virtuellen Internationalisierung zu verfolgen. Dies kann in zwei Empfehlungen unterteilt werden. Die erste ist, dass Internationalisierung und digitaler Wandel keine zwei getrennten Prozesse sind, sondern miteinander verbunden sind. Hochschulen brauchen nicht nur eine Strategie für beides, sondern diese Strategien sollten mit der Gesamtstrategie der Institution übereinstimmen. Mit anderen Worten: Die Gesamtstrategie der Institution sollte sowohl Komponenten der digitalen Transformation als auch der Internationalisierung enthalten und erklären, wie diese beiden Aspekte interagieren und sich gegenseitig ergänzen. Die zweite Empfehlung ist, dass dieser ganzheitliche Ansatz impliziert, dass dafür dauerhaft Ressourcen vorhanden sind, sowohl personelle als auch finanzielle.

Quelle: Eric Lichtenscheid

Autor: Dr. Jan Kercher, DAAD

Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.

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