„Der persönliche Nutzen hängt deutlich stärker mit der Auslandsstudienabsicht zusammen als der berufliche Nutzen“
Vor einer Woche hat der DAAD eine neue Ausgabe von “DAAD Forschung kompakt” veröffentlicht, die sich mit der Frage befasst, wie sich der wahrgenommene Nutzen von Auslandsstudienphasen in Bezug auf die berufliche und persönliche Entwicklung aus studentischer Sicht seit Mitte der 1980er Jahre entwickelt hat. Im Interview mit uns erläutert Erstautorin Mareike Rußmann vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, wie sie und ihr Ko-Autor Nicolai Netz hierbei methodisch vorgegangen sind, welche zentralen Befunde sich dabei ergeben haben und welche praktischen Schlussfolgerungen sich aus ihrer Sicht hieraus ergeben.
Mareike Rußmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am DZHW. (Bildquelle: Petra Nölle)
Liebe Frau Rußmann, Sie haben gemeinsam mit Ihrem DZHW-Kollegen Nicolai Netz untersucht, wie sich der wahrgenommene Nutzen von Auslandsstudienphasen aus der Sicht von Studierenden seit Mitte der 1980er Jahre entwickelt hat. Wie sind Sie dabei methodisch vorgegangen? Und warum endet Ihre Analyse mit dem Jahr 2015?
Für unsere Untersuchung haben wir Daten des Konstanzer Studierendensurveys genutzt. Dabei handelt es sich um Befragungen, die sich zwischen 1982 und 2015 alle zwei bis drei Jahre an große Querschnitte von Studierenden gerichtet haben. Der große Vorteil an diesen Daten ist, dass der wahrgenommene Nutzen von Auslandsstudienphasen sowohl für die Verbesserung der Berufsaussichten als auch für die persönliche Entwicklung über die Zeit vergleichbar gemessen wurde.
Auf Basis der Daten haben wir uns zuerst angeschaut, wie stark die Nutzeneinschätzungen mit der Absicht zusammenhängen, eine Zeit im Ausland zu studieren. Danach haben wir mithilfe von logistischen Regressionen geschätzt, wie hoch der prozentuale Anteil der Studierenden in den jeweiligen Befragungsjahren war, die eine Auslandsstudienphase als beruflich oder persönlich nützlich eingeschätzt haben. Zum Schluss haben wir geprüft, inwiefern diese Einschätzungen nach Geschlecht und sozialer Herkunft variieren.
Leider war es nicht möglich, die Berechnungen nach 2015 fortzuführen. Das liegt daran, dass der Konstanzer Studierendensurvey im Wintersemester 2015/16 zum letzten Mal erhoben wurde. Zwar gibt es mit der neuen Studie „Die Studierendenbefragung in Deutschland“ ein Nachfolgeformat, in dem mehrere frühere Befragungen zusammengeführt wurden. Allerdings wurden die Variablen zur Einschätzung des Nutzens dort anders erhoben, sodass eine Fortschreibung dieser Zeitreihen unserer Einschätzung nach nicht möglich ist.
Kommen wir zu den zentralen Ergebnissen Ihrer Analyse: Wie haben sich die Einschätzungen der Studierenden bezüglich der Bedeutung von Auslandsstudienphasen für ihre persönliche und berufliche Entwicklung seit 1984 verändert? Und wie lässt sich diese Entwicklung aus Ihrer Sicht erklären?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Anteil der Studierenden, die eine Auslandsstudienphase als nützlich einschätzen, in den ersten Befragungsjahren gestiegen ist. Konkret haben wir beobachtet, dass es einen Anstieg von 1984 bis 2000 beim persönlichen Nutzen gab und von 1984 bis 2003 beim beruflichen Nutzen. Danach gingen die Anteile wieder zurück. Auffällig ist, dass es 2015 noch einmal einen richtig starken Einbruch gab – warum genau, können wir mit unseren Daten aber leider nicht erklären. Das könnte in zukünftigen Studien genauer untersucht werden.
Wenn man beide Nutzeneinschätzungen genauer betrachtet, fällt auf: Von 1984 bis 1994 gab es zunächst mehr Studierende, die eine Auslandsstudienphase als persönlich nützlich einschätzten, danach kehrt sich das Verhältnis um. Von 1997 bis 2009 war der Anteil Studierender höher, die die Auslandsstudienphase als beruflich nützlich einschätzen. Besonders auffällig dabei ist, wie stark die Einschätzung des beruflichen Nutzens zwischen den Jahren 1994 und 1997 zunahm. In den Jahren 2012 bis 2015 sind beide Anteile dann etwa gleich groß.
Eine naheliegende Erklärung wäre natürlich, dass die Bologna-Reform einen großen Effekt gehabt hat. Allerdings zeigen unsere Daten eher, dass die relevanten Entwicklungen bereits vorher stattfanden.
Vor dem Hintergrund dieser Befunde und eines seit dem Jahrtausendwechsel sinkenden Anteils von Studierenden mit temporären studienbezogenen Auslandsaufenthalten in Deutschland: Welche praktischen Schlussfolgerungen oder sogar Handlungsempfehlungen ergeben sich aus Ihrer Sicht für die Hochschulen und die Hochschulpolitik? Sehen Sie in den Befunden Ansatzpunkte, um den rückläufigen Trend bei der Credit Mobility unter Studierenden in Deutschland wieder umzukehren?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass der persönliche Nutzen deutlich stärker mit der Auslandsstudienabsicht zusammenhängt als der berufliche Nutzen. Das heißt, wenn mehr Studierende studienbezogene Auslandserfahrung sammeln sollen, sollte der persönliche Nutzen von Auslandsaufenthalten noch stärker betont werden.
Insgesamt sehen wir aber, dass ein Großteil der Studierenden eine Auslandsstudienphase grundsätzlich als nützlich einschätzt. Das heißt: der rückläufige Trend von Studierenden mit temporären studienbezogenen Auslandsaufenthalten kann nicht allein durch eine veränderte Nutzenwahrnehmung erklärt werden. Unsere Befunde legen daher nahe, dass neben der Nutzenwahrnehmung auch noch andere Faktoren eine zentrale Rolle spielen.
Zukünftige Forschung sollte deshalb nicht nur die Entwicklung der Nutzeneinschätzungen betrachten, sondern auch untersuchen, wie sich die Einschätzung der Kosten und der Erfolgswahrscheinlichkeiten entwickelt haben – und wie diese mit den tatsächlichen Hürden zusammenhängen.
Zur Person
Mareike Rußmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am DZHW. Im Rahmen des vom DAAD mit Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten Projekts ERRASTUD beschäftigt sie sich aktuell mit den Gründen für den Rückgang der Quote Studierender mit temporären studienbezogenen Auslandsaufenthalten.
Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.