12. Dezember 2025

“Länder und Hochschulen mit einem breiteren internationalen Netzwerk scheinen widerstandsfähiger zu sein”

Einer der Schlaglicht-Beiträge der diesjährigen Hauptausgabe von „Wissenschaft weltoffen“ befasst sich mit den Auswirkungen exogener Schocks auf die internationale Wissenschaftlermobilität. Im Interview mit uns erklärt Autor Dr. Andrey Lovakov, Postdoktorand am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), welche Daten er für diese Analyse ausgewertet hat, was aus seiner Sicht die wichtigsten und überraschendsten Befunde sind und welche praktischen Schlussfolgerungen sich daraus für die Zukunft ziehen lassen.

Dr. Andrey Lovakov ist Postdoktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). (Bildquelle: Petra Nölle)

Für die aktuelle Hauptausgabe von „Wissenschaft weltoffen“ haben Sie sich mit exogenen Schocks und deren Auswirkungen auf die internationale Wissenschaftlermobilität befasst. Wie genau sind Sie dabei vorgegangen und welche Daten stehen für solche Analysen zur Verfügung?

Ich habe die Analyse auf Publikationsdaten aus der Scopus-Datenbank gestützt. Scopus erfasst Veröffentlichungen von wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren und das Land der Institution, an der diese zum Zeitpunkt der Veröffentlichung tätig waren. Das bedeutet, dass man anhand dieser Daten die „Standortgeschichte“ von Forschenden nachverfolgen kann. Für alle so erfassten Forschenden habe ich das Land ermittelt, das in jedem Jahr am häufigsten vorkam. Wenn sich das häufigste Land von einem Jahr zum nächsten geändert hat, habe ich dies als internationale Mobilität gewertet. Das ist natürlich nicht perfekt. Es gibt einige Dinge zu beachten. Die Methode erkennt internationale Mobilität nur bei Personen, die regelmäßig veröffentlichen, und Standortwechsel können mit einer Verzögerung angezeigt werden, da die Änderung erst sichtbar wird, wenn die nächste Veröffentlichung erscheint. Aber für großräumige Trends funktioniert sie.

Anschließend habe ich die Mobilitätsmuster vor und nach zwei großen Schocks verglichen. Für den Brexit habe ich die drei Jahre vor dem Referendum und die drei Jahre danach betrachtet, damit die Pandemie die Ergebnisse nicht verzerrt. Für die Corona-Pandemie habe ich zunächst den langfristigen Trend bis 2019 ermittelt. Dann habe ich untersucht, was in den Jahren 2020, 2021 und 2022 passiert ist, und dies mit dem Trend verglichen, den wir ohne die Pandemie erwartet hätten. Ich habe auch einige Länder einzeln betrachtet, da die Auswirkungen je nach nationaler Politik und Grenzbeschränkungen in jedem Land unterschiedlich sein können.

Kommen wir nun zu den Ergebnissen Ihrer Analyse: Wie würden Sie die wichtigsten Befunde zusammenfassen? Und welche haben Sie am meisten überrascht?

Der Brexit hat zwar nicht zu einem Zusammenbruch der internationalen Wissenschaftlermobilität geführt, aber er hat eindeutig die Muster der Mobilität verändert. Die größte Veränderung bestand darin, dass das Vereinigte Königreich früher mehr Forscher angezogen hat, als es verloren hat, während es jetzt mehr verliert als gewinnt. Die Abwanderung, insbesondere in EU-Länder, hat zugenommen, während die Zuwanderung aus der EU mehr oder weniger gleich geblieben ist. Gleichzeitig haben sich die Mobilitätsströme von Forschenden zwischen dem Vereinigten Königreich und Ländern außerhalb Europas, wie China, Indien und den Vereinigten Staaten, verstärkt.

In Bezug auf die Corona-Pandemie ist das wichtigste Ergebnis eine Verlangsamung der globalen Mobilität von Forschenden. Die Mobilität ist 2020 nicht plötzlich eingebrochen, aber das Wachstum hat aufgehört. 2021 war das erste Jahr überhaupt, in dem die globale Mobilität im Vergleich zu den Vorjahren zurückgegangen ist. Im Jahr 2022 können wir eine gewisse Erholung beobachten, aber ohne die Pandemie wäre die Zahl der international mobilen Forscher mit hoher Wahrscheinlichkeit größer gewesen.

Die größte Überraschung war China. Trotz strenger Grenzkontrollen stieg die Zahl der Menschen, die nach China zogen, weiter an. Ich hatte erwartet, dass die Auswirkungen der Pandemie in den verschiedenen Ländern unterschiedlich sein würden, da sie von den politischen Maßnahmen abhängen, die die Länder als Reaktion auf die Pandemie eingeführt haben. Der Fall China entspricht jedoch nicht dieser Erwartung. Dies ist definitiv etwas, das in zukünftigen Forschungen näher untersucht werden sollte.

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse: Welche praktischen Schlussfolgerungen oder Handlungsempfehlungen für Hochschulen und dieHochschulpolitik lassen sich Ihrer Meinung nach daraus ableiten?

Die Daten zeigen, dass die Auswirkungen der Pandemie ungleichmäßig waren. In einigen Ländern war ein starker Rückgang der Wissenschaftlermobilität zu verzeichnen, und sie haben ihr altes Niveau noch nicht wieder erreicht. Andere Länder verzeichneten nur einen kurzen Rückgang und erholten sich schnell wieder. Es wäre sehr hilfreich zu verstehen, wie diese Unterschiede zu erklären sind. Liegt es an der Struktur des akademischen Systems, an der Art und Weise der Grenzpolitik oder an den Unterstützungsmaßnahmen, die unmittelbar nach der Krise ergriffen wurden? Die Untersuchung dieser Unterschiede würde uns eine bessere Vorstellung davon vermitteln, wie wir mit dem nächsten großen Schock umgehen sollten.

Der zweite Punkt ergibt sich aus der Betrachtung des Brexits und der Pandemie zusammen. Externe Schocks können die Mobilitätsströme recht schnell verändern. Dies lässt sich deutlich am Beispiel des Vereinigten Königreichs erkennen, wo sich die Zu- und Abwanderungsströme innerhalb weniger Jahre umgekehrt haben. In solchen Situationen sind Länder oder Hochschulen, die stark von einer kleinen Anzahl internationaler Partner abhängig sind, einem höheren Risiko ausgesetzt. Diejenigen mit einem breiteren internationalen Netzwerk scheinen widerstandsfähiger zu sein, da sie nicht an eine bestimmte Region oder einen bestimmten politischen Kontext gebunden sind. Eine praktische Erkenntnis daraus ist also, internationale Partnerschaften so vielfältig wie möglich zu gestalten. Dadurch können sich Systeme besser an plötzliche Veränderungen anpassen.

Quelle: Eric Lichtenscheid

Autor: Dr. Jan Kercher, DAAD

Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.

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