30. Januar 2026

“Zugewanderte, die objektiv gut integriert sind, berichten oft von geringerer Zugehörigkeit”

Andreas Genoni ist Soziologe und arbeitet am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Deutschland. Kürzlich hat er gemeinsam mit seinem Kollegen Didier Ruedin eine Analyse mit dem Titel „When expectations backfire: Unmet migration expectations and changes in the destination attachment of recent immigrants to Switzerland“ veröffentlicht. Hierin untersuchen die beiden Autoren den Zusammenhang zwischen den Erwartungen von Zugewanderten an die Schweiz als Einwanderungsland und die emotionale Bindung dieser Personen an die Schweiz im Zeitverlauf. Im Interview mit uns erläutert Andreas Genoni, was es mit dem hierbei wichtigen „Integrationsparadox“ auf sich hat, was aus seiner Sicht die zentralen Befunde der Analyse sind und welche Schlussfolgerungen man hieraus für die politische Praxis ziehen kann.

Andreas Genoni ist Soziologe und arbeitet am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Deutschland. (Bildquelle: Nathalie Triebel-Bühler)

Herr Genoni, Sie haben sich in Ihrer Untersuchung gemeinsam mit Ihrem Kollegen Didier Ruedin vom National Center of Competence in Research (NCCR) for Migration and Mobility Studies an der Universität Neuchâtel mit dem sogenannten Integrationsparadox befasst. Könnten Sie unseren Leserinnen und Lesern zunächst einmal kurz erläutern, was man darunter versteht und was die bisherige Forschung dazu ergeben hat?

Mit dem sogenannten Integrationsparadox beschreibt die Forschung ein zunächst überraschendes Muster: Zugewanderte, die objektiv gut integriert sind – das heißt insbesondere gut ausgebildet und beruflich erfolgreich – berichten oft von mehr Diskriminierung und geringerer Zugehörigkeit zu ihrem Aufenthaltsland als Zugewanderte, die sozioökonomisch schlechter gestellt sind.

Das wirkt paradox, weil Integration häufig sehr einseitig verstanden wird: Bildung, Arbeit und Einkommen sollen automatisch zu sozialer Anerkennung und emotionaler Verbundenheit führen. Die Forschung der letzten Jahre zeigt aber insbesondere bei hochqualifizierten Zugewanderten, dass das nicht zwingend so ist. Gerade bei Personen dieser hochgebildeten Gruppe wird davon ausgegangen, dass sie höhere Erwartungen an Fairness und Gleichbehandlung haben und sich stärker mit der Mehrheitsgesellschaft vergleichen, diese Vergleiche aber meist nachteilig ausfallen und zu enttäuschten Erwartungen führen.

Bisher hat sich die Forschung vor allem mit den Bedingungen beschäftigt, die enttäuschte Erwartungen begünstigen und die Verbundenheit mit dem Aufenthaltsland verringern können, wie etwa Überqualifizierung oder Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft. Weniger gut verstanden ist dagegen, wie Zugewanderte emotional auf solche Enttäuschungen reagieren und ob sich auch hier Bildungsunterschiede zeigen. Genau hier setzt unsere Studie an.

Als Grundlage für Ihre eigene Untersuchung dienten Daten aus dem Swiss Migration-Mobility Survey, für das rund 5.200 in die Schweiz eingewanderte Personen zwischen 2016 und 2022 mehrfach befragt wurden. Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Befunde Ihrer Analysen und inwiefern erweitern diese den Forschungsstand zum Integrationsparadox?

Wir haben Personen betrachtet, die neu in die Schweiz eingewandert sind, und sie über mehrere Jahre hinweg begleitet. Uns hat besonders interessiert, was passiert, wenn Menschen im Laufe der Zeit unzufriedener mit ihrer Entscheidung werden, in die Schweiz gekommen zu sein. Was passiert also, wenn sie merken, dass ihre Erwartungen an das Leben im Ausland nicht ganz aufgehen?

Das zentrale Ergebnis ist: Enttäuschungen mit der Migrationsentscheidung gehen mit einem Rückgang der emotionalen Bindung an die Schweiz einher. Besonders interessant ist, dass dieser Effekt bei Zugewanderten mit Hochschulabschluss besonders ausgeprägt ist: Sie reagieren deutlich stärker als Zugewanderte ohne Hochschulabschluss. Mit anderen Worten: Wenn Erwartungen enttäuscht werden, trifft das Hochqualifizierte emotional härter.

Wichtig ist auch: Die stärkeren Reaktionen zeigen sich unabhängig davon, ob Zugewanderte äußerlich als „fremd“ wahrgenommen werden oder nicht. Das heißt, es geht nicht nur um Sichtbarkeit oder Herkunft, sondern um Erwartungen und deren Bruch.

Damit erweitern wir die bisherige Forschung, indem wir zeigen: Das Integrationsparadox entsteht nicht nur, weil hochqualifizierte Zugewanderte häufiger enttäuscht sind, sondern auch, weil sie stärker auf Enttäuschungen reagieren.

Vor dem Hintergrund dieser Befunde: Gibt es aus Ihrer Sicht naheliegende Schlussfolgerungen oder sogar Handlungsempfehlungen, die sich hieraus für die politische Praxis ergeben? Könnten Ihre und andere Befunde zum Integrationsparadox genutzt werden, um die Integration von Zugewanderten in der Schweiz und anderen Ländern zu unterstützen und enttäuschte Erwartungen unwahrscheinlicher zu machen?

Es gibt keine einfache Stellschraube, mit der sich Erwartungen „realistischer einstellen“ und Personen vom Abwandern abhalten lassen. Internationale Mobilität gehört zur Lebensrealität insbesondere von hochqualifizierten Personen und Abwanderung muss auch als Preis des globalen Wettbewerbs um Talente verstanden werden.

Was sich von den Befunden aber ableiten lässt, ist ein Perspektivwechsel: Integration sollte nicht nur daran gemessen werden, ob Menschen bleiben, arbeiten oder beruflich erfolgreich sind, sondern auch daran, wie sie sich fühlen und ihr Leben im Ausland beurteilen. Denn es gibt ein stilles Risiko der funktionalen Integration: Menschen bleiben im Land, funktionieren beruflich, ziehen sich aber emotional zurück.

Für Politik, Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen bedeutet das: Erfolgreiche Anwerbung ist nicht automatisch erfolgreiche Bindung an das Aufnahmeland. Attraktivitätsstrategien mögen zur Rekrutierung ausländischer Talente wirken, sie können aber zu hohen Erwartungen führen und nach der Ankunft Enttäuschungen begünstigen. Wer internationale Talente gewinnen will, sollte daher nicht nur über Attraktivität sprechen, sondern auch darüber, wie mit Enttäuschungen, Frustrationen und unrealistischen Hoffnungen umgegangen wird.

Langfristig kann ein besseres Verständnis dieser emotionalen Dimension helfen, Abwanderung besser zu verstehen und auch die Qualität des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens zu verbessern – für Zugewanderte ebenso wie für die Gesellschaft insgesamt.

Quelle: Eric Lichtenscheid

Autor: Dr. Jan Kercher, DAAD

Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.

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