„Je ärmer das Land, desto länger die Wartezeiten auf ein Visum“
Wie lange muss man bei einer deutschen Auslandsvertretung auf einen Termin für die Beantragung eines Visums warten? Wie groß fallen dabei die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern aus, in denen das Visum beantragt werden soll? Und wie lassen sich diese Unterschiede erklären? Mit diesen Fragen befasst sich die aktuelle Analyse einer Forschungsgruppe um Emanuel Deutschmann, Juniorprofessor für soziologische Theorie an der Europa-Universität Flensburg und Associate am Migration Policy Centre des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz. Im Interview erläutert er, was der Anlass für die Fragestellung der Untersuchung war, wie das Forschungsteam dabei methodisch vorgegangen ist, welches aus seiner Sicht die wichtigsten Befunde der Analyse sind und ob sich diese Befunde auch auf andere Länder übertragen lassen.
Emanuel Deutschmann ist Juniorprofessor für soziologische Theorie an der Europa-Universität Flensburg und Associate am Migration Policy Centre des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz. (Bildquelle: Sophia Segler)
In einer aktuellen Analyse, die Sie gemeinsam mit vier Kolleginnen und Kollegen im November 2025 veröffentlicht haben, vergleichen Sie die Dauer der Wartezeiten für Visumsantragstermine an deutschen Botschaften und Konsulaten weltweit. Was war der Anlass für diese Fragestellung und wie sind Sie dabei methodisch vorgegangen?
Wir beschäftigen uns in unserer Forschung schon länger mit Ungleichheiten in Bezug auf internationale Mobilität. In einer vorherigen Studie hatten wir herausgefunden, dass Menschen im Globalen Süden sehr viel mehr für Visa bezahlen müssen als Menschen im reicheren Norden. Als ich diese Ergebnisse 2023 bei einer Konferenz am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung in Berlin vorstellte, kam Niklas Harder auf mich zu, der dort Co-Leiter der Abteilung Integration ist. Er hatte die Idee, zu untersuchen, wie lange Menschen an deutschen Botschaften eigentlich auf Visumstermine warten müssen – eine weitere wichtige Form potenzieller Ungleichheit. Niklas war auf eine Liste des Auswärtigen Amtes gestoßen, die Links zu den Websites der einzelnen Botschaften und Konsulate Deutschlands in Ländern weltweit enthält, auf denen man Visumstermine buchen kann.
Ich habe dann den Data Scientist Lorenzo Gabrielli mit ins Boot geholt, der es geschafft hat, diese Links systematisch auszuwerten. Dafür hat er ein Python-Skript geschrieben, das die Websites der Reihe nach aufrief, um zu kucken, welche Termine als nächstes verfügbar waren. Aus dem Unterschied zwischen Anfragetag und buchbarem Termin ergab sich dann die jeweilige Wartezeit. Lorenzo hat sogar einen Telegram-Bot programmiert, mit dem man das Skript vom Handy aus starten konnte. Das haben wir dann alle sechs Tage getan, denn wir wollten Daten über einen längeren Zeitraum – insgesamt zehn Monate – erheben, um ein möglichst umfassendes und verlässliches Bild zu bekommen. Wichtig zu betonen ist, dass wir keine Termine tatsächlich gebucht haben. Es bestand also keine Gefahr, realen Personen Termine „wegzuschnappen“.
Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Befunde Ihrer Analyse? Und welche Konsequenzen sind damit aus Ihrer Sicht verbunden?
Es zeigt sich erneut eine starke, ökonomisch geprägte Ungleichbehandlung: Je ärmer das Land, desto länger die Wartezeiten auf ein Visum bei der dortigen deutschen Auslandsvertretung. Die Chance, überhaupt einen wählbaren Termin angezeigt zu bekommen, ist in ärmeren Ländern ebenfalls niedriger. Insgesamt waren bei 44 Prozent der Anfragen gar keine Termine verfügbar, aber in manchen Ländern ist dieser Anteil noch viel höher. In Uganda oder Pakistan etwa waren nur bei ca. ein Prozent der Anfragen Termine auswählbar. Das heißt, als antragsstellende Person muss ich es auf der Website immer wieder und wieder probieren, im Extremfall ist man quasi chancenlos.
Die Konsequenzen sind dramatisch, wie das Beispiel Studienvisa zeigt. Bei uns an der Europa-Universität Flensburg etwa haben wir mehrere internationale Studiengänge, bei denen immer wieder das gleiche passiert: Studierende aus Afrika, Lateinamerika oder Asien sind zugelassen und wollen den Studienplatz auch annehmen, aber bekommen nicht rechtzeitig ein Visum. Wenn sie nach dem langwierigen Prozess, der sich mehr als ein Jahr ziehen kann, doch noch kommen, haben ihre Kommiliton:innen aus der gleichen Kohorte oft schon einen Vorsprung von drei Semestern. Auch an anderen Unis kennt man dieses Problem. Oft fehlt es auch an Uni-Personal, das eigentlich nötig wäre, um in solchen Fällen den Visa-Prozess individuell zu unterstützen. Die Hauptleidtragenden sind natürlich die Betroffenen, für die das Ganze extrem frustrierend ist, aber auch die deutschen Unis verlieren dadurch im Wettbewerb um die klügsten Köpfe, es ist eine Lose-Lose-Situation.
Um die Situation zu verbessern, empfehlen wir zwei Maßnahmen. Erstens eine Transparenzinitiative: Das Auswärtige Amt sollte aktuelle Wartezeiten bei den Auslandsvertretungen öffentlich zugänglich machen. Das würde die Planbarkeit für Antragstellende erhöhen und könnte so die aktuell sehr hohe Unzufriedenheit mit dem deutschen Visasystem senken. Und zweitens eine Fairness- und Effizienz-Initiative: Durch das Anpassen der Kapazitäten der Botschaften und Konsulate an den jeweiligen Bedarf könnten Wartezeiten angeglichen und verkürzt werden, was nicht nur für Antragstellende fairer wäre, sondern angesichts des Fachkräftemangels auch in Deutschlands Interesse läge.
Ihre Analyse konzentriert sich auf die Wartezeiten an deutschen Botschaften und Konsulaten. Sind Ihnen andere Studien bekannt, die ähnliche Analysen für die Auslandsvertretungen anderer Länder durchgeführt haben? Und lässt sich auf dieser Basis sagen, ob Deutschland hier ein Spezialfall ist oder eher der Norm entspricht?
Speziell zu Wartezeiten gibt es meines Wissens bisher keine vergleichbaren statistischen Erhebungen für andere Zielländer. Allerdings gibt es etliche Erfahrungsberichte betroffener Personen, die zeigen, wie desaströs die Lage für Personen aus Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen auch bei anderen Destinationen in Europa und Nordamerika ist. Die ghanaische Doktorandin Sandra Owusu-Gyamfi zum Beispiel hat in Nature unter dem Titel „Exhausted and insulted“ ihren erfolglosen Versuch beschrieben, bei der niederländischen Botschaft in Accra ein Schengen-Visum für eine wissenschaftliche Konferenz in Lissabon zu erhalten. Die Washington Post berichtete bereits 2013 über Familienangehörige eines U.S.-Bürgers aus den Philippinen, die seit 24 Jahren auf ein Visum warten, während es für andere Nationalitäten deutlich schneller geht und für renommierte Professor:innen oder Führungskräfte aus der Wirtschaft gar keine Wartezeiten gibt. Das mag ein Extremfall sein, aber alles spricht dafür, dass es sich um ein breiteres, globales Phänomen handelt.
Zur Person
Emanuel Deutschmann ist Juniorprofessor für soziologische Theorie an der Europa-Universität Flensburg und Associate am Migration Policy Centre des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit den europäischen und weltweiten Netzwerkstrukturen transnationaler Mobilität sowie Visaregulierungen und grenzüberschreitendender Verkehrsinfrastruktur. 2022 hat er das Buch “Mapping the Transnational World” veröffentlicht.
Weiterführende Informationen
Deutschmann, E., L. Gabrielli, A. Orlova, N. Harder & E. Recchi. 2025. A Time Penalty for the Global South? Visa Appointment Wait Times at German Embassies and Consulates Worldwide. Political Geography. https://doi.org/10.1016/j.polgeo.2025.103440 (der Datensatz zur Studie ist hier frei zugänglich verfügbar)
Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.