28. Mai 2026

„Die Mehrheit der Menschen in Deutschland ist unabhängig von ihrer Herkunft stolz auf Deutschland“

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat bereits zum dritten Mal seit 2015 eine repräsentative Umfrage unter Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte durchgeführt, um deren Einstellungen zu Religion und Religiosität, zum Leben in Deutschland sowie zu verschiedenen politischen Themen im Zeitverlauf untersuchen zu können. Im Interview sprechen wir mit Dr. Sabine Pokorny, Referentin für Wahl- und Sozialforschung bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, über den Anlass und die Ziele dieser Befragungen und der darauf basierenden Analysen, zentrale Befunde der aktuellen Befragungsrunde sowie die praktischen Schlussfolgerungen, die sich aus ihrer Sicht auf Basis dieser Befunde ergeben.

Dr. Sabine Pokorny Referentin in der Abteilung Wahl- und Sozialforschung der Konrad-Adenauer-Stiftung. (Bildquelle: Ina Friedrich)

Liebe Frau Pokorny, was war und ist der Anlass für die regelmäßigen Befragungen der Konrad-Adenauer-Stiftung zur Einwanderungsgesellschaft Deutschland und welche Ziele liegen Ihren Analysen dabei zugrunde?

Als wir unsere erste Studie durchgeführt haben, hatte etwa ein Fünftel der Menschen in Deutschland eine Zuwanderungsgeschichte. Trotzdem gab es kaum Studien zu Einstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund. Und auch zu Einstellungen und Integration von Musliminnen und Muslimen gab es keine repräsentativen Studien. Wir wollten aber belastbare, repräsentative Erkenntnisse haben. Denn nur auf Basis von belastbaren Daten ist auch eine sachliche Debatte möglich. Deshalb haben wir uns entschieden, die Umfrage auf Basis einer Zufallsstichprobe durchzuführen. Viele Umfragen unter Menschen mit Migrationshintergrund nutzen eine onomastische, also namensbasierte Stichprobe aus vorhandenen Listen. Damit erreicht man aber nur Personen, die einen einschlägigen Namen haben. Das gilt jedoch nicht für alle Gruppen gleichermaßen, weshalb wir uns auch bei Menschen mit Migrationshintergrund für eine Zufallsziehung entschieden haben.

Frühere Studien beschränkten sich häufig auf türkeistämmige Muslime. Deren Anteil an der Gesamtheit der Muslime in Deutschland ist in den letzten zehn Jahren aber gesunken, viele hier lebende Muslime stammen aus anderen Ländern als der Türkei. Durch die Zufallsstichprobe können wir auch die gesamte Gruppe der Musliminnen und Muslime abbilden.

Seit 2015 ist der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland noch einmal gestiegen, sodass uns natürlich auch interessierte, wie sich die Einstellungen in dieser Gruppe entwickelt haben. Die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund ist sehr heterogen. Wir unterscheiden deshalb nicht nur allgemein nach Migrationshintergrund, sondern auch nach Konfession und nach Herkunftsland. Für Türkei-, Polen- und Russlandstämmige, aber auch für Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler reicht die Zahl an Befragten, um die Einstellungen separat zu untersuchen.

Kommen wir zu den Befunden der aktuellen Befragungsrunde, die von Ende 2024 bis Anfang 2025 durchgeführt wurde: Wo zeigen sich aus Ihrer Sicht die auffälligsten Entwicklungen im Vergleich zu den ersten beiden Befragungen? Und wo zeigt sich demgegenüber die größte Stabilität? Haben bestimmte Befunde Sie besonders überrascht?

Die auffälligsten Entwicklungen sind leider eher negativ. Das Empfinden, mit Respekt behandelt zu werden, ist gesunken und auch die Zufriedenheit mit der Demokratie hat nachgelassen. Gleichzeitig haben in manchen Teilgruppen autoritäre und antisemitische Einstellungen zugenommen. Auch die Akzeptanz von Gewalt zur Konfliktlösung ist in einzelnen Gruppen gestiegen.

Auf der anderen Seite haben wir aber auch sehr erfreuliche Befunde. Über 90 Prozent leben gerne in Deutschland. Das war vor zehn Jahren so und das ist auch heute noch so. Zusätzlich finden rund zwei Drittel der Menschen mit Migrationshintergrund das politische System in Deutschland besser als das in ihrem Herkunftsland oder gleich gut. Die deutsche Staatsangehörigkeit ist heute beliebter als vor zehn Jahren. Über die Hälfte der Ausländerinnen und Ausländer möchte gerne die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben. Das ist erfreulich, weil wir einen integrativen Effekt der deutschen Staatsbürgerschaft sehen. Deutsche mit Migrationshintergrund drücken beim Fußball häufiger der deutschen Nationalmannschaft die Daumen. Ausländerinnen und Ausländer halten dagegen häufiger zu ihrem Herkunftsland. Außerdem informieren sich Deutsche mit Migrationshintergrund häufiger über die Politik in Deutschland als Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit.

In der aktuellen Umfrage haben wir zum ersten Mal danach gefragt, ob die Menschen stolz auf Deutschland sind. Wir hatten also keine Vergleichswerte. Daher haben wir uns gefreut zu sehen, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland unabhängig von ihrer Herkunft stolz auf Deutschland sind. Besonders überrascht hat uns dabei, dass Ausländerinnen und Ausländer häufiger stolz sind als Deutsche mit Migrationshintergrund, die wiederum häufiger stolz sind als Deutsche ohne Migrationshintergrund.

Vor dem Hintergrund der geschildeten Befunde: Welche praktischen Schlussfolgerungen für unsere Gesellschaft lassen sich aus Ihrer Sicht hieraus ziehen? Und welche Handlungsempfehlungen für die Politik?

Integration ist eine gesellschaftliche und eine politische Aufgabe. Unsere Befunde zeigen, dass sich viele Menschen mit Migrationshintergrund mit Deutschland identifizieren und hier gerne leben. Das ist eine wichtige Voraussetzung für ein gelungenes Miteinander. Gleichzeitig ist das Respektsempfinden gesunken. Hier ist vor allem unsere Gesellschaft gefragt, also wir alle, respektvoll miteinander umzugehen.

Der Anstieg bei problematischen politischen Einstellungen in einzelnen Teilgruppen kann zu einer Gefahr für die Stabilität unserer Demokratie werden, vor allem in Kombination mit der Akzeptanz von Gewalt. Hier braucht es Maßnahmen, z.B. der politischen Bildung, um dem zu begegnen und unsere Demokratie zu stärken.

Quelle: Eric Lichtenscheid

Autor: Dr. Jan Kercher, DAAD

Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.

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