19. Juni 2026

„Hochschuleigene Zugangsverfahren können vor allem zusätzliche, dezentrale Wege ins Studium eröffnen“

In den letzten 15 Jahren haben sich die Zugangswege internationaler Studieninteressierter ohne direkte Hochschulzugangsberechtigung zum grundständigen Studium in Deutschland deutlich ausdifferenziert. Neben dem klassischen Weg über Studienkolleg und Feststellungsprüfung besteht für Hochschulen inzwischen in mehreren Bundesländern die Möglichkeit, eigene Zugangsverfahren umzusetzen. Das vom DAAD mit Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt finanzierte Forschungsprojekt „Chancen, Herausforderungen und Praxis von hochschuleigenen Zugangsverfahren zum Bachelorstudium für internationale Studierende an deutschen Hochschulen“ (ZuVe), das derzeit am Institut für Hochschulforschung (HoF) der Universität Halle-Wittenberg durchgeführt wird, nimmt diese wachsende Vielfalt nun in den Blick. Im Interview mit uns erläutert Projektleiterin Rocio Ramirez, wie sie und ihre Kollegin Christiane Arndt dabei methodisch vorgehen, wie hochschuleigene Zugangsverfahren für internationale Studierende in Deutschland und anderen wichtigen Gastländern geregelt sind und welche Chancen und Herausforderungen sich aus diesen Verfahren für deutsche Hochschulen ergeben.

Rocio Ramirez ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Hochschulforschung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. (Bildquelle: privat)

Liebe Frau Ramirez, was war der Anlass für das ZuVe-Projekt und wie gehen Sie und Ihre Kollegin Christiane Arndt dabei methodisch vor?

Es gibt mehrere Gründe, hochschuleigene Zugangsverfahren genauer zu untersuchen. Immer mehr internationale Studieninteressierte möchten in Deutschland ein Bachelorstudium aufnehmen. Ein Teil dieser Bewerberinnen und Bewerber bringt eine Hochschulzugangsberechtigung mit, die aufgrund unterschiedlicher Schulsysteme nicht immer zu einer direkten Hochschulzugangsberechtigung in Deutschland führt. In solchen Fällen muss geprüft werden, ob die Voraussetzungen für ein grundständiges Studium vorliegen.

Hierfür existiert seit über 60 Jahren die Feststellungsprüfung, wofür die Teilnahme an einer Studienvorbereitung empfohlen wird. Die staatlichen Studienkollegs, die diese anbieten, haben nur begrenzte Aufnahmekapazitäten. Private Alternativen sind häufig kostenpflichtig, sodass unklar bleibt, ob bestimmte Personen, die sonst die Voraussetzungen dafür erfüllen, dadurch erschwerte Zugangsbedingungen haben.

Seit 2012 ermöglichen mehrere Bundesländer den Hochschulen, für diese Zielgruppe eigene Zugangsverfahren einzuführen, etwa Zugangsprüfungen oder ein Probestudium. Diese erfüllen eine ähnliche Funktion wie die Feststellungsprüfung, werden jedoch von den Hochschulen selbst für die eigenen Studiengänge gestaltet.

Bislang ist wenig darüber bekannt, welche Hochschulen diese Möglichkeit nutzen, wie die Verfahren ausgestaltet sind und warum andere Hochschulen darauf verzichten. Hier setzt unser Projekt an. Wir untersuchen die rechtlichen Rahmenbedingungen, die bestehende Verfahren, Motive, Hürden sowie mögliche Effekte auf Hochschulen und Bewerber und Bewerberinnen. Methodisch kombinieren wir Gesetzes- und Literaturanalysen mit einem Blick in andere Zielländer. Im nächsten Schritt führen wir Interviews mit Wissenschaftsministerien, Hochschulen und weiteren Expertinnen und Experten. Ziel ist es, Handlungsoptionen für einen fairen, transparenten und praktikablen Hochschulzugang zu entwickeln.

Betrachten wir erste Befunde des Projekts: Wie sind hochschuleigene Zugangsverfahren für internationale Studierende in Deutschland geregelt – und was kann der Blick in andere Zielländer zeigen?

In Deutschland hängt der Hochschulzugang internationaler Bachelorbewerberinnen und -bewerber zunächst davon ab, wie ihre ausländische Vorbildung bewertet wird. Reicht der Schulabschluss für den direkten Studienbeginn aus oder muss die Studierfähigkeit zusätzlich nachgewiesen werden? In der Praxis orientieren sich Hochschulen dabei an den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz und an der Datenbank zur Anerkennung ausländischer Bildungsnachweise, die Teil des anabin-Inforportals zu ausländischen Bildungsabschlüssen ist.

Da Hochschulrecht Ländersache ist, werden hochschuleigene Zugangsverfahren in den Landeshochschulgesetzen und teilweise in ergänzenden Verordnungen geregelt. Dort steht beispielsweise, welche Kompetenzen geprüft werden müssen. Meist sind es Sprachkenntnisse, fachliche Grundlagen und studienrelevante Fähigkeiten, teils auch in mündlichen oder digitalen Formaten. Die Hochschulen können innerhalb dieses Rahmens eigene Prüfungsformate, Vorbereitungsangebote und Geltungsbereiche festlegen. Für Bewerberinnen und Bewerber ist besonders wichtig, ob ein Ergebnis nur an einer Hochschule, für bestimmte Studiengänge oder in einem Verbund anerkannt wird.

Der internationale Vergleich zeigt, dass andere Zielländer wie die USA, Großbritannien, Australien, Kanada oder Frankreich häufiger mit hochschul- und programmbezogenen Verfahren arbeiten. Neben Zeugnissen zählen dort Tests, Interviews, Empfehlungsschreiben sowie vorbereitende und begleitende Programme.

Diese Modelle lassen sich nicht einfach übertragen, weil manche Systeme stärker als Hochschulbildungsmarkt organisiert sind. Interessant sind aber Elemente wie Qualitätsanforderungen, Registrierungspflichten und transparente Entscheidungs-, Bewerbungs- und Zulassungswege und -anforderungen.

Zum Abschluss: Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich durch hochschuleigene Zugangsverfahren für deutsche Hochschulen?

Hochschuleigene Zugangsverfahren können für Deutschland vor allem zusätzliche, dezentrale Wege ins Studium eröffnen. Sie können die Studienkollegs entlasten, ohne sie zu ersetzen. Hochschuleigene Verfahren können daher zusätzliche Kapazitäten für internationale Studienbewerber und -bewerberinnen ohne direkte Hochschulzugangsberechtigung schaffen. Studienkollegs könnten sich weiterhin besonders an diejenigen richten, die an der Hochschule studieren möchten, wo sie angesiedelt sind oder die sich ihre spätere Hochschulwahl offenhalten möchten.

Für Hochschulen liegt eine Chance darin, Zugang, Vorbereitung und Studium enger miteinander zu verbinden. Im Idealfall lassen sich Prüfungen und Kurse stärker auf die Anforderungen eines Studiengangs zuschneiden: Welche Sprachkenntnisse, fachliche Grundlagen und methodische Fähigkeiten sind wirklich entscheidend? Bewerberinnen und Bewerber können zugleich die Hochschule, das Fach und die Erwartungen früher kennenlernen.

Die Herausforderungen sind aktuell allerdings erheblich. Auf Systemebene geht es um die Frage, wie Qualitätssicherung und Vergleichbarkeit gewährleistet werden können, ohne die Gestaltungsspielräume der Hochschulen unnötig einzuschränken. Für Hochschulen können Aufbau und Durchführung ressourcenintensiv sein, besonders wenn Prüfungen, Beratung, Vorbereitung und Begleitung zusammengedacht werden. Für Bewerber und Bewerberinnen kommen Fragen der Transparenz, Kosten und Anerkennung hinzu.  

Besonders sensibel ist die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass hochschuleigene Zugangsverfahren zusätzliche Wege eröffnen, ohne die Anforderungen an ein Studium abzusenken. Problematisch wäre es, wenn solche Verfahren vor allem genutzt würden, um Studieninteressierte zu rekrutieren oder freie Studienplätze schnell zu besetzen, ohne dass die tatsächlichen fachlichen, sprachlichen und methodischen Voraussetzungen ausreichend geprüft und begleitet werden. Das wäre weder im Interesse der Studierenden noch der Hochschulen. Studierende könnten mit Erwartungen in ein Studium starten, dessen Anforderungen höher sind als angenommen. Hochschulen wiederum müssten mit erhöhtem Beratungs-, Unterstützungs- oder Abbruchrisiko umgehen.

Diesen Spannungsfeldern möchten wir auch im Projekt auf den Grund gehen. Ziel ist es, gute Praktiken zu identifizieren und Handlungsoptionen für einen fairen, nachvollziehbaren und praktikablen Hochschulzugang internationaler Studienbewerber und -bewerberinnen wissenschaftlich fundiert zu entwickeln.

Quelle: Eric Lichtenscheid

Autor: Dr. Jan Kercher, DAAD

Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.

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