“Unser Ziel ist es, faire Teilhabechancen im akademischen Austausch zu schaffen”
Dr. Jenny Nenoff ist Referentin im Referat „Nachhaltigkeit und Diversität“ (S13) des DAAD und dort u.a. für die fachliche und organisatorische Begleitung der DAAD-Diversitätsagenda zuständig. In diesem Rahmen verantwortete sie auch die Erstellung eines Sonderberichts zur zweiten BintHo-Studierendenbefragung des DAAD im Wintersemester 2023/24, Titel: „Studierendenmobilität gestalten: Wie Diversitätsdimensionen und das Mobilitätsverhalten von Studierenden zusammenhängen“, die Anfang des Jahres veröffentlicht wurde. Im Interview mit uns erläutert sie den konkreten Anlass für die Sonderauswertung, deren wichtigste und überraschendste Befunde sowie die praktischen Schlussfolgerungen für Hochschulen, Hochschulpolitik und Förderorganisationen, die sich hieraus ableiten lassen.
Dr. Jenny Nenoff ist Referentin im Referat „Nachhaltigkeit und Diversität“ (S13) des DAAD und dort u.a. für die fachliche und organisatorische Begleitung der DAAD-Diversitätsagenda zuständig. (Bildquelle: Carolin Felske)
Liebe Frau Nenoff, die von Ihnen verantwortete Sonderauswertung der BintHo-Befragung des DAAD befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen dem Mobilitätsverhalten und verschiedenen Diversitätsmerkmalen von Studierenden. Was war der Anlass für diese Sonderauswertung und ihre Fragestellung?
Unser Ziel beim DAAD ist es, faire Teilhabechancen im akademischen Austausch zu schaffen. Deshalb erweitern wir unser Diversitätsmonitoring Schritt für Schritt auf weitere Förderprogramme und erheben fortlaufend entsprechende Daten zur Studierendenschaft im Rahmen des BintHo-Projekts. So entsteht eine solide Datenbasis, mit der wir die aktuellen und künftigen Förderprogramme des DAAD gezielt weiterentwickeln können.
Wir brauchen diese Vergleichsdaten als Referenzwerte für unser Diversitätsmonitoring, denn sie zeigen uns, wie verschiedene Vielfaltsdimensionen unter inländischen Studierenden verteilt sind. Genau das hilft uns, besser beurteilen zu können, welche Zielgruppen in unseren Förderprogrammen unterrepräsentiert sind.
Deshalb haben wir im Rahmen der zweiten BintHo-Befragung im Wintersemester 2023/24 erstmals gezielt Fragen zu verschiedenen Diversitätsdimensionen gestellt. So möchten wir herausfinden, ob und wie bestimmte Aspekte von Vielfalt den Studierenden dabei helfen oder sie daran hindern, während ihres Studiums ins Ausland zu gehen. Dabei haben wir folgende Dimensionen berücksichtigt: Geschlechtsidentität, familiäre Migrationsgeschichte, familiärer Bildungshintergrund, körperliche und psychische Gesundheit, familiäre Versorgungsverpflichtungen sowie finanzielle Bedürfnisse und Ressourcen.
Kommen wir zu den Ergebnissen. Wie würden Sie die wichtigsten Befunde der Analyse zusammenfassen? Und gab es Befunde, die Sie besonders überrascht haben?
Die Ergebnisse geben uns einen wichtigen Einblick, wo aktuell noch Hindernisse beim Zugang zu Auslandsaufenthalten für Studierende aus Deutschland bestehen. Gleichzeitig zeigen sie auf, mit welchen Herausforderungen internationale Studierende während ihres Aufenthalts in Deutschland auf dem Campus und im Alltag zu tun haben.
Wie schwierig der Weg ins Ausland tatsächlich ist, hängt stark von der Bildungsbiografie und den persönlichen Lebensumständen ab. Die Daten lassen einige diversitätsrelevante Zusammenhänge erkennen. Zum Beispiel sind sogenannte Erstakademikerinnen und Erstakademiker, also Studierende, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben, deutlich häufiger in der Gruppe, die ihre geplanten Auslandsaufenthalte nicht verwirklichen. Im Gegensatz dazu brechen Studierende, deren beide Eltern einen Hochschulabschluss besitzen, solche Pläne deutlich seltener ab. Auch gesundheitliche Beeinträchtigungen sorgen oft dafür, dass ein studienbezogener Auslandsaufenthalt nicht umgesetzt wird. Das gleiche Bild zeigt sich bei Studierenden, die familiäre Versorgungsverpflichtungen übernehmen müssen. Interessant und etwas überraschend ist dabei: Bei diesen Versorgungsverpflichtungen geht es nicht überwiegend um Kinder, sondern vor allem um Angehörige, die pflegebedürftig sind.
Mit Blick auf die Willkommenskultur auf dem Campus zeigen die Studienergebnisse, dass internationalen Studierenden überwiegend an ihrer Hochschule und in Deutschland mit großer Offenheit begegnet wird. Teilweise sind sie jedoch auch rassistischen Diskriminierungen ausgesetzt, insbesondere Studierende aus Subsahara-Afrika sowie Nordafrika und Nahost.
Hier fällt auf, dass ein großer Unterschied zwischen dem relativ geschützten Hochschulumfeld und den Erfahrungen außerhalb der Hochschule besteht. Dennoch ist es wichtig, mehr Bewusstsein für Diskriminierungserfahrungen auf dem Campus zu schaffen. Wir müssen Diskriminierung erkennen, Strukturen hinterfragen und verändern sowie Präventions- und Unterstützungsmaßnahmen weiter ausbauen. Es braucht einen offenen Austausch über solche Themen, damit sich auch tatsächlich etwas verbessern kann.
Denn nicht alle Betroffenen fühlen sich sicher genug, um offen über ihre Erlebnisse zu sprechen: Etwa 30 Prozent der internationalen Studierenden trauen sich eher nicht oder gar nicht, ihre Erfahrungen mit Diskriminierung zu teilen. Und ein weiteres Viertel ist diesbezüglich unsicher.
Vor dem Hintergrund dieser Befunde: Welche praktischen Schlussfolgerungen für Hochschulen, Hochschulpolitik und auch für Förderorganisationen wie den DAAD lassen sich aus Ihrer Sicht hieraus ableiten?
Die Ergebnisse der Studie geben den Verantwortlichen an Hochschulen und in der Politik wertvolle Hinweise darauf, wo es besondere Unterstützungsbedarfe für einzelne Zielgruppen gibt. So zeigen die Befunde, dass zwei Drittel der inländischen und internationalen Befragten an ihrer deutschen Hochschule keine Anlaufstelle oder Ansprechperson kannten, an die sie sich im Falle einer Diskriminierung wenden könnten. Weitere 16 Prozent berichten, zwar von entsprechenden Angeboten zu wissen, diese jedoch nicht nutzen zu wollen bzw. bewusst nicht genutzt zu haben. Diese Zahlen machen deutlich, dass es erforderlich ist geeignete Anpassungen vorzunehmen, um diese vorhandenen Nutzungshürden abzubauen.
Obwohl wir die Studierenden nicht nach ihren Gründen gefragt haben, warum sie bestehenden Anlaufstellen nicht nutzen, ist zu vermuten, dass Studierende mit Diskriminierungserfahrungen die bestehenden Beratungs- und Unterstützungsangebote aus Sorge um Benachteiligung nicht nutzen. Zum Beispiel, weil sie befürchten, dass ihr Anliegen nicht vertraulich behandelt wird oder sie den Eindruck haben, dass diese Anlauf- und Beratungsstellen nicht helfen können. Ein möglicher Lösungsansatz könnte die Förderung von Selbsthilfe- bzw. Selbstermächtigungsgruppen für diskriminierungserfahrene Studierende sein.
Damit es gelingen kann, ein weltoffenes und international ausgerichtetes Lehr- und Lernumfeld zu gestalten, in dem sich insbesondere internationale Studierende wirklich willkommen und wohl fühlen, braucht es tragfähige Kooperationsstrukturen – zum Beispiel einen Vertrauensrat – zwischen den verschiedenen Organisationseinheiten innerhalb der Hochschulen. Relevante Einheiten wären hier insbesondere die International Offices, die Diversity Offices und die Antidiskriminierungsstellen. Wichtig sind darüber hinaus dauerhafte Netzwerkstrukturen, die durch einen regelmäßigen und strukturierten Austausch eine enge Zusammenarbeit sicherstellen, sowohl innerhalb der Hochschule als auch über den Campus hinaus.
Zur Person
Dr. Jenny Nenoff ist Referentin im Referat „Nachhaltigkeit und Diversität“ (S13) des DAAD und dort u.a. für die fachliche und organisatorische Begleitung der DAAD-Diversitätsagenda zuständig. In diesem Rahmen verantwortete sie auch die Erstellung eines Sonderberichts zur zweiten BintHo-Studierendenbefragung des DAAD im Wintersemester 2026, Titel: „Studierendenmobilität gestalten: Wie Diversitätsdimensionen und das Mobilitätsverhalten von Studierenden zusammenhängen“, die Anfang des Jahres veröffentlicht wurde. Im Interview mit uns erläutert sie den konkreten Anlass für die Sonderauswertung, deren wichtigste und überraschendste Befunde sowie die praktischen Schlussfolgerungen für Hochschulen, Hochschulpolitik und Förderorganisationen, die sich hieraus ableiten lassen.
Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.