20. Juli 2026

“Studienbezogene Auslandsaufenthalte stärken das Umweltbewusstsein”

In welchem Zusammenhang stehen die Auslandsmobilität von Studierenden und deren Umweltbewusstsein? Das ist die zentrale Frage einer aktuellen Studie von Giorgio Di Pietro, außerordentlicher Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Loyola-Universität in Sevilla. In den letzten 15 Jahren hat er sich in seiner Forschung zunehmend mit internationaler Studierendenmobilität befasst und dabei sowohl die Faktoren untersucht, die die Durchführung von studienbezogenen Auslandsaufenthalten beeinflussen, als auch die Auswirkungen dieser Aufenthalte auf die Studierenden. Im Interview erläutert Di Pietro, was ihn zu seiner Forschungsfrage veranlasst hat, beschreibt den methodischen Ansatz, mit dem er diese untersucht hat, skizziert die wichtigsten Ergebnisse seiner Analyse und erläutert Schlussfolgerungen und Empfehlungen, die sich für die Hochschulpolitik und -praxis ableiten lassen.

Giorgio Di Pietro ist außerordentlicher Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Loyola-Universität in Sevilla. (Bildquelle: privat)

Beginnen wir mit den Grundlagen Ihrer Analyse: Was war der Anlass für Ihre Forschungsfrage, und welchen methodischen Ansatz haben Sie für Ihre Analyse gewählt?

Zwar hat die Zahl der Studien, die sich mit den individuellen Auswirkungen studienbezogener Auslandsaufenthalte befassen, in den letzten zehn Jahren erheblich zugenommen, doch konzentriert sich die überwiegende Mehrheit auf klar definierte Effekte, die sich leicht beobachten und messen lassen. So erheben beispielsweise mehrere nationale Absolventenbefragungen Daten darüber, ob Absolventinnen und Absolventen während ihres Studiums im Ausland waren und erfassen die daraus resultierenden Arbeitsmarktergebnisse, wie Beschäftigung und Einkommen. Im Gegensatz dazu wurde den Effekten, die schwieriger zu definieren und zu messen sind, weitaus weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Beispiel hierfür ist die weit verbreitete Ansicht, dass studienbezogene Auslandsaufenthalte Werte fördern, die meistens unter dem Begriff “global citizenship” zusammengefasst werden. Obwohl diese Behauptung in der Fachliteratur weit verbreitet ist, gibt es nach wie vor keinen klaren Konsens darüber, welche Werte hierunter genau verstanden werden und wie diese sinnvoll quantifiziert werden können.

Um diese Wissenslücke zumindest teilweise zu schließen, habe ich in meinem Aufsatz untersucht, ob eine studienbezogene Auslandserfahrung das Bewusstsein Studierender für Umweltfragen schärft. Der Kontakt mit den kulturellen Normen und Werten des Gastlandes sowie die Interaktion mit anderen Menschen im jeweiligen Gastland könnten junge Menschen dazu anregen, die Vernetzung von Umweltproblemen und die kollektive Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger für deren Bewältigung zu erkennen.

Um diese Hypothese empirisch zu überprüfen, habe ich Daten aus einer Flash-Eurobarometer-Umfrage verwendet und ein sogenanntes Propensity-Score-Matching-Verfahren eingesetzt. Der Vorteil dieser statistischen Methoden besteht darin, dass sie versuchen, das potenzielle Selektionsproblem im Zusammenhang mit studienbezogenen Auslandsaufenthalten zu korrigieren. Denn beobachtbare und nicht beobachtbare individuelle Merkmale, die die Entscheidung für einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt beeinflussen, können auch mit umweltbezogenen Einstellungen zusammenhängen. Mit anderen Worten: Diese Verfahren versuchen, den tatsächlichen Effekt der Auslandsaufenthalte zu isolieren, indem sie bereits bestehende Unterschiede in den Einstellungen zu Umwelt und Nachhaltigkeit zwischen Personen berücksichtigen, die sich für einen Auslandsaufenthalt entschieden haben, und solchen, die dies nicht getan haben.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Ergebnisse der Analyse? Und gab es Ergebnisse, die Sie überrascht haben?

Meine Ergebnisse deuten darauf hin, dass studienbezogene Auslandsaufenthalte das Umweltbewusstsein stärken. Dieser Effekt ist zwar nicht stark, aber statistisch signifikant. Genauer gesagt deuten meine Schätzungen mittels Propensity-Score-Matching darauf hin, dass Studierende in der EU, die einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt in einem anderen EU-Land absolviert haben, mit einer um 2 bis 4,8 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit Umweltbelange zu den drei Prioritäten zählen, auf die sich die EU konzentrieren sollte, als vergleichbare Studierende ohne solche Erfahrungen.

Eine wesentliche Stärke meiner Ergebnisse ist ihre Robustheit – eine Eigenschaft, die in empirischen Analysen nicht immer zu beobachten ist. Ein studienbezogener Auslandsaufenthalt wirkt sich durchweg positiv auf das Umweltbewusstsein aus. Zudem ist das Ausmaß dieses Effekts über verschiedene Schätzverfahren hinweg relativ stabil.

Eine mögliche Erklärung für den relativ schwachen Effekt ist, dass er den Durchschnitt zweier unterschiedlicher zugrunde liegender Effekte in sich vereint. Einerseits hat ein studienbezogener Auslandsaufenthalt möglicherweise nur geringen Einfluss auf Studierende, die bereits vor ihrem Studium eine sehr umweltbewusste Einstellung hatten, sodass wenig Spielraum für eine weitere Verbesserung ihrer Umwelteinstellung bleibt. Und: Angesichts der positiven Selektion bei der Entscheidung für solch einen Auslandsaufenthalt machen diese Personen wahrscheinlich die Mehrheit der auslandsmobilen Studierenden aus. Andererseits kann dieselbe Erfahrung einen viel größeren Einfluss auf junge Menschen haben, die vor ihrem Auslandsaufenthalt nur ein sehr schwaches Umweltbewusstsein hatten. Obwohl diese Gruppe wahrscheinlich nur einen kleinen Anteil der Teilnehmenden an Auslandsaufenthalten ausmacht, können sie infolge ihrer studienbezogenen Auslandsaufenthalte erhebliche Veränderungen in ihren Einstellungen zu Umwelt und Nachhaltigkeit erfahren.

Letzte Frage: Welche Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen lassen sich auf der Grundlage Ihrer Befunde für die Hochschulpolitik und -praxis ableiten?

Die Ergebnisse meines Artikels haben mindestens drei relevante Implikationen.

Erstens zeigen sie, wie schwierig es ist, eine umfassende Bewertung der individuellen Auswirkungen eines studienbezogenen Auslandsaufenthalts vorzunehmen. Solche Aufenthalte sind mit einer Vielzahl von Effekten verbunden, von denen einige leicht beobachtbar und messbar sind, während andere schwieriger zu definieren und zu quantifizieren sind.

Zweitens liefern meine Befunde durch die Identifizierung eines weiteren Nutzens von studienbezogenen Auslandsaufenthalten einen weiteren Grund für politische Maßnahmen, die darauf abzielen, mehr Studierende zu solchen Aufenthalten zu ermutigen. In dieser Hinsicht stehen die Ergebnisse im Einklang mit dem Ziel der EU, sicherzustellen, dass bis 2030 mindestens 23 Prozent der Hochschulgraduierten in der EU bis 2030 an einer Lernmobilität teilgenommen haben.

Drittens ist es möglich, dass die Effekte studienbezogener Auslandsaufenthalte auf das Umweltbewusstsein bei jenen Studierenden besonders ausgeprägt sind, die vor ihrem Auslandsaufenthalt nur ein schwaches Umweltbewusstsein hatten und die derzeit eine Minderheit der auslandsmobilen Studierenden darstellen. Diese Interpretation könnte das bestehende Ziel der EU stützen, wonach bis 2027 mindestens 20 Prozent aller Lernmobilitätsteilnehmenden in der EU Personen mit weniger Möglichkeiten sein sollen, die besonders von der Erfahrung in einem internationalen Bildungsumfeld profitieren können.

Quelle: Eric Lichtenscheid

Autor: Dr. Jan Kercher, DAAD

Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.

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