20. Januar 2026

“Die Präsidentschaft von Donald Trump ist eine Katastrophe für die amerikanische Universitäts- und Forschungslandschaft”

Vor genau einem Jahr wurde Donald Trump zum zweiten Mal als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ins Amt eingeschworen. Welche Auswirkungen hat die Politik seiner Regierung seitdem auf die Hochschul- und Wissenschaftssystem der USA gehabt? Sind die Vorwürfe, Hochschulen wie die Harvard University gingen nicht ausreichend gegen antisemitische Aktivitäten auf ihrem Campus vor, gerechtfertigt? Und wie wirkt sich die zweite Amtszeit Donald Trumps ganz konkret auf die Arbeit von internationalen Forschenden an Hochschulen in den USA aus? Diese Fragen haben wir mit dem deutschen Harvard-Forscher Mathias Risse besprochen, Professor für Menschenrechte, Internationale Beziehungen und Philosophie sowie Direktor des Carr-Ryan-Zentrums für Menschenrechte an der Harvard University.

Mathias Risse ist Professor für Menschenrechte, Internationale Beziehungen und Philosophie sowie Direktor des Carr-Ryan-Zentrums für Menschenrechte an der Harvard University. (Bildquelle: Martha Stewart)

Herr Risse, der Amtsantritt von Donald Trump liegt nun genau ein Jahr zurück. Wie bewerten Sie persönlich die Auswirkungen seiner bisherigen Amtszeit auf das Hochschul- und Wissenschaftssystem der USA?

Die Präsidentschaft von Donald Trump ist eine Katastrophe für die amerikanische Universitäts- und Forschungslandschaft. Seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es in den USA eine Art Sozialvertrag zwischen den Universitäten und der Regierung. Die Unis leisten Forschung, die der Wirtschaft und auch dem Militär hilft, und bildet Menschen heran, die beträchtliche geistige Horizonte haben und damit auch die Demokratie stärken. Die Universitäten ziehen auch neue Talente in die USA, was auch schon deswegen wichtig ist, weil das amerikanische Schulsystem gar nicht mithalten könnte, um diese große Anzahl von Top-Universitäten mit hinreichend viel Talent zu versehen. Amerikanische Universitäten haben gewissermaßen die ganze Welt ausgebildet in diesen letzten Jahrzehnten, und damit auch die amerikanische Soft Power die Welt über enorm gestärkt. Im Gegenzug dafür hat die Regierung sehr viel Geld in Universitäten gesteckt und sie in hohem Maße machen lassen, wie sie es für richtig hielten. Die Regierung hat den Unis auch viel Spielraum gelassen, wenn es um die Gewährung von Visa ging und sich da im Wesentlichen auf deren Auswahlverfahren verlassen.

Dieser Sozialvertrag ist von demokratischen und republikanischen Präsidenten eingehalten worden, aber ist im letzten Jahr gehörig überdacht worden. Ob es da letztlich um eine Aufkündigung dieses Vertrages oder eher um eine Umstrukturierung gehen soll, und was das genau heißen würde, ist noch nicht ausgemacht. Da sind sich die Republikaner wohl auch nicht einig. Es hat natürlich auch sehr viel Widerstand dagegen gegeben, und die Bundesregierung ist nicht der einzige relevante Akteur hier. Und nun müssen wir hoffen, dass die Midterm Elections uns dieses Jahr ein demokratisches Repräsentantenhaus und damit ein Ende der Trifekta bescheren werden. Ansonsten wäre wohl die Rolle der Unis in der amerikanischen Gesellschaft und die Rolle auch von amerikanischen Top-Unis in der Welt ernsthaft bedroht.

Ihrer Hochschule, der Harvard University, wurde von der US-Regierung kurz nach dem Amtsantritt von Donald Trump vorgeworfen, in der Vergangenheit nicht ausreichend gegen antisemitische Aktivitäten auf dem Campus vorgegangen zu sein, insbesondere in der Zeit nach dem 7. Oktober 2023. Oft wurde dieser Vorwurf auch verbunden mit der Kritik, dass die Wissenschaftsfreiheit in Harvard eingeschränkt sei, weil hier nur „woke“ oder linksliberale Forschung und Lehre geduldet würde. Wie beurteilen Sie diese Vorwürfe?

Für alle relevanten Zwecke ist das schlimmer Unsinn. Natürlich ist nach dem 7. Oktober 2023 auf unserem Campus und anderswo in den USA so einiges passiert. Das war ein generationelles Erwachen für viele Menschen hier, und dabei ist auch einiges aus dem Ruder gelaufen. Das hat dann auch sofort zu massiven Kämpfen um die Deutungshoheit geführt, und plötzlich wollte jeder eine Meinung über Harvard und Antisemitismus haben. Man erkannte in dieser Berichterstattung den eigenen Campus gar nicht wieder. Jede Art von Bigotterie ist schlecht für Unis, und Harvard hat das dann ja auch aufgearbeitet und hätte das alles durch interne Prozesse klären können.

Es lässt sich leicht nachweisen, dass es den Trump Leuten gar nicht um Schutz von jüdischen Studierenden geht. Er macht mit den Unis hier im Prinzip das Gleiche, das er bei den Zöllen auch mit der EU gemacht hat – es werden Schutzgelder erpresst – und hier tut er das mit dieser moralischen und rechtlichen Keule. Die Sache mit der „woken“ Lehre ist ähnlicher Unsinn. Ich bin selbst vor ein paar Jahren von den Woke-Leuten gecancelt worden und lehre hier immer noch. Was wir hier praktisch gar nicht haben, sind MAGA-Leute, die darauf bestehen, dass Trump die Wahl 2020 gestohlen wurde. Amerikanische Unis sind „linker“ als der Bevölkerungsdurchschnitt, gewiss, aber Leute die ernsthaft links sind, würden sich an Orten wie Harvard wohl kaum als tonangebend sehen. Und selbstverständlich wird in jeder ernsthaften Lehrveranstaltung das ganze seriöse Spektrum von Meinungen abgedeckt, und das schließt auch konservative Positionen ein. Die Unis sind auf diese Weise in die Kulturkämpfe hineingezogen worden. Diesen Unsinn sollte man einfach nicht glauben.

Welche konkreten Auswirkungen hatte und hat die Auseinandersetzung zwischen der US-Regierung und Harvard für Ihre Arbeit und die Arbeit ihrer internationalen Kolleginnen und Kollegen? Gibt es bestimmte Personengruppen, die von den Konsequenzen dieser Auseinandersetzung besonders betroffen sind?

Die Regierung ist ein formidabler Gegner und kann Unis auf sehr viele Weisen schaden – wir brauchen Zertifizierungen, Akkreditierungen, einen bestimmten Steuerstatus, und eben auch finanzielle Unterstützung dafür, dass Harvard die ganze Spannbreite seiner Aktivitäten auf dieser Ebene von Exzellenz mit Talent aus der ganzen Welt durchführen kann. Seit Jahrzehnten ist Harvard ein zentraler Nexus im globalen wissenschaftlichen Geschehen. Gerade trifft es die Mediziner und die Kolleginnen und Kollegen im Bereich öffentliche Gesundheit besonders hart – denen ist ja die staatliche Unterstützung einfach gestrichen worden, von der sie abhingen. Ich selbst bin Direktor des Carr-Ryan Centers for Human Rights, eines sehr sichtbaren Menschenrechtszentrums. Die Antisemitismus-Keule wird auch und gerade gegen uns geschwungen, und zwar gerade, weil wir im Bereich Israel/Palästina eine ausgewogene Arbeit gemacht haben – die im Übrigen ohnehin nur ein sehr geringer Teil unserer Arbeit insgesamt ist.

Im Moment ist noch nicht klar, wohin das alles führen wird. Columbia und Brown haben schon ihre „Deals“ mit Trump abgeschlossen. Harvard führt noch Gespräche, und es steht natürlich viel auf dem Spiel. Die Regierung hat von uns totale Kontrolle über Zulassungen, Einstellungen, und Kurrikulum verlangt. Das können wir natürlich nicht zugestehen. Die Zahlung einer Strafe – also Schutzgeld – in Höhe von 500 Millionen steht im Raum. Das ist horrend, aber die Integrität dieser sehr besonderen Einrichtung wäre das wert. Und dann müssen wir hoffen, dass damit dieser Kelch an uns vorübergezogen ist. Ob das so kommen wird, steht noch in den Sternen.

Auch wenn wir in dieser Interview-Reihe eigentlich nur drei Fragen stellen, erlauben wir uns bei Ihnen ausnahmsweise zum Abschluss eine vierte Frage: Könnten Sie unseren Leserinnen und Lesern vielleicht einmal kurz Ihren Weg zur Professur an der Harvard University beschreiben? Haben Sie von Anfang geplant, einmal in Harvard zu lehren und zu forschen oder gab es Zufälle oder ungeplante Ereignisse, die Ihnen den Weg nach Harvard gewiesen haben?

So etwas kann man natürlich nicht planen. Ich in ursprünglich für ein Jahr in die USA gekommen, wie man das in den 1990ern so machte. Ich war in Pittsburgh, wo es aus historischen Gründen eine philosophische Fakultät von Weltklasse gab – was ich aber im Vorfeld nicht wusste. Ich habe schnell gemerkt, dass meine Ecke der Philosophie ein sehr viel größeres und lebendigeres Fach in den USA ist als in Deutschland. Ich habe gleichzeitig auch Mathematik mit Schwerpunkt Spieltheorie studiert, und es hat sich dann so ergeben, dass ich dann noch ein Jahr an der Hebräischen Universität Jerusalem verbringen konnte, über eine Verbindung, die sich in Pittsburgh ergeben hatte. Und dann hatte ich genug einschlägige Gutachten gesammelt, so dass ich mich für gute PhD-Programm bewerben konnte – und bin dann wider jede vernünftige Erwartung in Princeton angenommen worden. Und danach bin ich auf den normalen amerikanischen Arbeitsmarkt gegangen, war erst zwei Jahre an der Yale University und nun seit 2002 an der Harvard University.

Quelle: Eric Lichtenscheid

Autor: Dr. Jan Kercher, DAAD

Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.

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