“Die Zahlen belegen eine große Bereitschaft der Deutschen, Zugewanderte aufzunehmen und zu integrieren”
Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat bereits zum dritten Mal seit 2015 eine repräsentative Umfrage unter Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte durchgeführt, um deren Einstellungen zu Religion und Religiosität, zum Leben in Deutschland sowie zu verschiedenen politischen Themen im Zeitverlauf untersuchen zu können. Im zweiten Interview zur aktuellen Befragung von 2024/25 sprechen wir mit Dr. Jochen Roose, Referent für Wahl- und Sozialforschung bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, über die von ihm verantwortete Fokusanalyse zu den Vorstellungen zum Zusammenleben von Zugewanderten und Einheimischen, die hierbei betrachteten Befragtengruppen sowie die praktischen Schlussfolgerungen, die sich aus seiner Sicht auf Basis dieser Befunde für Gesellschaft und Politik in Deutschland ergeben.
Dr. Jochen Roose ist Referent in der Abteilung Wahl- und Sozialforschung der Konrad-Adenauer-Stiftung. (Bildquelle: Jörg Klam)
Lieber Herr Roose, mit Ihrer Kollegin Sabine Pokorny haben wir bereits über die drei repräsentativen Umfragen unter Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte gesprochen, die die Konrad-Adenauer-Stiftung seit 2015 durchgeführt hat. Sie haben auf Basis derselben Daten eine weitere Analyse durchgeführt, die sich mit den Vorstellungen zum Zusammenleben von Zugewanderten und Einheimischen aus Sicht der Bevölkerung befasst. Können Sie zunächst einmal kurz erläutern, was Anlass und Ziele dieser separaten Analyse waren?
In der globalisierten Welt ist Migration der Normalfall. Es stellt sich nicht die Frage, ob Deutschland mit den hier lebenden Zugewanderten umgehen will, sondern nur wie. Wie viel Anpassung soll und darf von Zugewanderten erwartet werden oder ist diese Erwartung grundsätzlich falsch? Wie groß darf, soll oder muss die kulturelle Vielfalt in einer Gesellschaft sein? Was ist zumutbar, für die Zugewanderten und für die Einheimischen? Die Haltung der Bevölkerung zu diesen Fragen, die häufig emotional diskutiert werden, ist von großer Bedeutung. Mit der separaten Analyse der Integrationsvorstellungen der Bevölkerung wollen wir zu einer sachlichen und fundierten Debatte beitragen. Denn für die Möglichkeiten der Integration ist die Offenheit der Zugewanderten und der Einheimischen entscheidend. Integrationspolitik muss sich – neben anderem – auch an diesen Einstellungen orientieren.
Kommen wir zu den Befunden Ihrer Analyse: Sie vergleichen hierbei jeweils die Vorstellungen von Deutschen ohne Einwanderungsgeschichte, Deutschen mit Einwanderungsgeschichte sowie Zugewanderten ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Wo zeigen sich zwischen diesen drei Gruppen die größten Unterschiede und wo die größten Gemeinsamkeiten bezüglich ihrer Vorstellungen zum Zusammenleben in Deutschland?
Insgesamt überwiegen die Gemeinsamkeiten dieser drei Gruppen, die Unterschiede fallen eher gering aus. In allen drei Gruppen erwartet eine breite Mehrheit, dass Zugewanderte die deutsche Sprache lernen. Das Gleiche gilt für die kulturelle Anpassung von Zugewanderten. Beide Forderungen, also die deutsche Sprache zu lernen und sich kulturell anzupassen, werden von Menschen mit Migrationshintergrund noch konsequenter vertreten als von Deutschen ohne Migrationshintergrund.
Soziale Kontakte sind für die gleichberechtigte Teilhabe von großer Bedeutung. Hier zeigen die Befunde ein weit verbreitetes Interesse der Deutschen ohne Migrationshintergrund an Kontakt zu Menschen mit ausländischen Wurzeln. Unter Zugewanderten ist der Wunsch nach Kontakt mit Deutschen sogar noch stärker ausgeprägt.
Auch bei der Bewertung, ob Ausländer unsere Kultur bereichern oder beschädigen, sehen wir kaum Unterschiede. In allen drei Gruppen sieht eine Mehrheit keine Beschädigung unserer Kultur. Im Gegenteil: Über die Hälfte nimmt Ausländerinnen und Ausländer als kulturelle Bereicherung wahr.
Sie unterscheiden in Ihrer Analyse auch drei Gruppen von Befragten anhand von deren Haltungen zur Integration von Zugewanderten, die Integrationsoffenen, die Integrationsaktiven und die Integrationsfordernden. Wie verteilen sich diese Haltungen innerhalb der Bevölkerung und welche praktischen Schlussfolgerungen lassen sich auf dieser Basis aus Ihrer Sicht für Gesellschaft und Politik in Deutschland ziehen?
46 Prozent der Deutschen ohne Migrationshintergrund können den Integrationsoffenen zugerechnet werden. Ihre Haltung ist durch Toleranz und eine Erwartung zur tendenziellen Anpassung geprägt. Die Gruppe der Integrationsaktiven ist mit 41 Prozent ähnlich groß. Diese Gruppe erwartet deutlich weniger Integrationsleistungen von Zugewanderten und will dafür selbst stärker auf die Zugewanderten zugehen. Die Integrationsfordernden sind die kleinste Gruppe. Ihr können 13 Prozent der Deutschen ohne Migrationshintergrund zugerechnet werden. Sie sehen die Zugewanderten in der Pflicht, sich umfassend anzupassen. Selbst wollen sie eher wenig zur Integration beitragen.
Diese Zahlen belegen eine große grundsätzliche Bereitschaft der Deutschen ohne Migrationshintergrund, Zugewanderte aufzunehmen und zu integrieren. Dabei wird von Zugewanderten durchaus eine tendenzielle Anpassung an die Aufnahmegesellschaft erwartet. Andererseits ist auch die Bereitschaft, auf Zugewanderte zuzugehen, weit verbreitet. Gleichzeitig teilt die Mehrheit der Menschen mit Migrationshintergrund diese Erwartungen. Nicht immer können die Erwartungen in der Realität umgesetzt werden. Grundsätzlich ist das aber eine gute Basis für erfolgreiche Integration. Gesellschaft und Politik sind hier gefragt, Angebote für Zugewanderte zu machen, um die Integration zu erleichtern. Gleichzeitig kann man Zugewanderten auch aktiv Integration abverlangen. Die Bereitschaft und die Unterstützung in der breiten Bevölkerung sind jedenfalls da.
Zur Person
PD Dr. Jochen Roose studierte an der Freien Universität Berlin Soziologie. Nach einer Promotion als Mitarbeiter des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und einer Station an der Universität Leipzig habilitierte er an der FU Berlin in Soziologie. Als Professor war er an der Universität Hamburg, der FU Berlin und der Universität Wrocław (Breslau) beschäftigt, bevor er 2018 als Koordinator für Umfragen und Parteienforschung in der Hauptabteilung Politik und Beratung zur Konrad-Adenauer- Stiftung wechselte. Seit Januar 2020 arbeitet er als Referent in der Wahl- und Sozialforschung für die Hauptabteilung Analyse und Beratung.
Jan Kercher ist seit 2013 beim DAAD tätig und Projektleiter für die jährliche Publikation Wissenschaft weltoffen. Darüber hinaus ist er im DAAD für verschiedene andere Projekte zum Austausch zwischen Hochschulforschung und Hochschulpraxis sowie die Durchführung von Studien- und Datenerhebungsprojekten zur akademischen Mobilität und Internationalisierung der Hochschulen zuständig.